Dr. med. Henning Lohse-Busch: Pionier der Stoßwellen-Anwendungen bei neurologischen Krankheitsbildern

Dr. Henning Lohse-Busch war der erste Anwender der extrakorporalen Stoßwellen-Therapie (ESWT), der das Potenzial des Verfahrens in der neurologischen/neuroorthopädischen Rehabilitation erkannte.

Als leitender Arzt der Ambulanz für Manuelle Medizin in der Theresien-Klinik und später in der Rheintalklinik Bad Krozingen entwickelte er seit 1992 Konzepte zum Einsatz der ESWT bei verschiedenen Krankheitsbildern. Seine Pionierarbeiten hatten großen Anteil an der Entwicklung der Transkraniellen Pulsstimulation (TPS®). Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen und Behandlungserfolge.

 Herr Dr. Lohse-Busch, wie kamen Sie zur Stoßwelle? Welche Krankheitsbilder behandelten Sie damit zuerst?

„Die Spastizität hat dasselbe Störungsmuster der Muskulatur wie wir es schon aus der Orthopädie kennen. Im Frühjahr 1992 wurde ich Zeuge der schmerzlindernden Wirkung fokussierter ESWT bei Kniearthrosen. Zugleich wurde die begleitende Muskelfunktions-störung besser. Dies weckte mein Interesse.

1992 kam ich in Baden-Baden in Kontakt mit STORZ MEDICAL AG. Zunächst auf Leihbasis kaufte ich später das Stoßwellen-Modell „Minilith“. Damit erarbeitete ich Dosierung und Behandlungsrhythmen für die schmerzfreie Behandlung spastisch bewegungsgestörter Kinder. Ein Unterschied zur Behandlung Erwachsener ergab sich nicht.

Die fokussierte ESWT wurde in unserer Klinik wegen der unspezifischen, Nerven stimulierenden Wirkung fester Bestandteil der multimodalen Komplexbehandlung zur neurologischen Rehabilitation für alle Bewegungsstörungen. Dazu gehörten neben verschiedensten Formen der Spastizität auch Muskelschwundkrankheiten, das sog. Postpoliosyndrom und andere Erkrankungen mit begleitenden Funktionsstörungen der Muskulatur.“

Berichten Sie bitte kurz über Ihre Behandlungsergebnisse.

„Die inzwischen von über 30 Autoren erzielte Wirkung der ESWT auf spastische Bewegungsstörungen bei Kindern/Erwachsenen bestätigt unsere Ergebnisse. Bewegungen werden nach ESWT im Allgemeinen weniger mühevoll und daher für Kinder erlernbar. Der Bewegungsumfang der Gelenke wird eindrucksvoll größer und bei alltäglichen Tätigkeiten, wie Gehen, Greifen oder Spielen nutzbar.

2005 baten mich die Eltern eines seit 1992 im Wachkoma befindlichen Patienten, dessen Hirn mit Stoßwellen zu behandeln. Nach juristischer Abklärung wurden die ersten transkraniellen Stoßwellen durchgeführt, die auch bei anderen Wachkomapatienten zu sehr schönen Ergebnissen führten: Bei einigen wurde z.B. die Ernährungssonde entfernt, da sie wieder kauen und schlucken konnten. Sie begannen auch, nach vielen Jahren erstmals wieder mittels eines Blinzel-Codes zu kommunizieren.

Ab 2006 folgten Patienten mit inkompletter Querschnittslähmung. Es kam zur deutlichen Milderung der Spastizität und der schmerzhaften, den Nachtschlaf störenden Kloni und zur teilweise beeindruckenden Ausweitung und Kräftigung von Restfunktionen unmittelbar unterhalb der Rückenmarksläsion.

Ebenfalls 2006 wurden mit sehr guten Ergebnissen erstmals Patienten mit distaler symmetrischer Polyneuropathie behandelt. Die schmerzhaften Gefühlsstörungen gingen um mehr als 50 % zurück, die Gehgeschwindigkeit nahm deutlich zu. Die besten Ergebnisse werden bei einer Polyneuropathie nach Chemotherapie erzielt.

 Nach den Erfahrungen mit der Behandlung von Hirn-Rückenmarksgewebe war es nur noch ein kleiner Schritt, ab 2005 die transkraniale ESWT weiterzuentwickeln und ab 2012 routinemäßig bei Parkinson- und Alzheimerpatienten anzuwenden.“

Auf dem Gebiet der spastischen Bewegungsstörungen sind Sie weltweit derjenige Arzt mit der größten ESWT-Erfahrung. Bei welcher Altersgruppe sehen Sie die besten Ergebnisse und welche Perspektiven sehen Sie für den Einsatz von Stoßwellen und nun für die Transkranielle Pulsstimulation?

 „Bei allen Patienten gilt: Je früher, desto besser. Spastizität entsteht bei der infantilen Zerebralparese im 2. Lebensjahr. Die ESWT ist in jedem Alter eine außerordentlich wertvolle Ergänzung zur Physiotherapie.

 Wegen ihrer unspezifisch stimulierenden Wirkweise und der Ausschüttung von u.a. Stammzellen, Nerven- und Gefäßwachstumsfaktoren wird die ESWT und damit die Transkranielle Pulsstimulation-TPS mit der Zeit eine unverzichtbare Hilfe im Rahmen multimodaler Konzepte in der neurologischen Rehabilitation werden.“

 Wie sind Sie nach Ihrem Eintritt ins Rentenalter noch mit der Stoßwelle verbunden?

„Ich behandele noch regelmäßig Patienten, die unter M. Alzheimer und M. Parkinson leiden. Die Langzeitergebnisse bei der Parkinsonsymptomatik sind besonders stabil und gut. Mit Vorträgen und Schulungen unterstütze ich Kollegen bei der Weiterentwicklung der Methode. Sie verdient eine breite Anwendung zum Wohl der Patienten.“

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

(©STORZ MEDICAL magazine – 03/2020)