Nicht-invasive Neurostimulation bei Alzheimer, Parkinson und Depression: Die Zeit ist (über)-reif

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Während die Hoffnungen auf Alzheimer-Antikörper bröckeln, entsteht mit der nicht-invasiven Hirnstimulation (NIBS) seit Jahren ein völlig neues Therapiefeld – doch die Öffentlichkeit weiß kaum etwas davon

Noch vor wenigen Jahren schien die Richtung in der Alzheimer-Forschung  klar vorgegeben zu sein: Die Hoffnung der Medizin ruhte fast ausschließlich auf der Pharmakologie. Milliarden flossen (und fließen) weltweit in die jahrzehntelange Entwicklung neuer Medikamente, insbesondere jener Antikörper, die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn entfernen sollen. Entsprechend groß waren die Erwartungen an Wirkstoffe wie Lecanemab oder Donanemab. Erstmals, so hieß es vielerorts, greife man direkt in den Krankheitsprozess der Alzheimer-Erkrankung ein. Die mediale Berichterstattung war enorm, gar vom „Beginn einer neuen Ära“ wurde gesprochen.

Doch inzwischen macht sich zunehmend Ernüchterung breit. Denn bei aller wissenschaftlichen Bedeutung zeigen die neuen Antikörper in der Praxis eben nicht jenen „Durchbruch“, den sich viele Fachleute und damit Betroffene und deren Angehörige erhofft hatten. Die klinischen Effekte bleiben begrenzt, die organisatorischen Anforderungen enorm, die Kosten immens. Hinzu kommen Risiken wie Hirnödeme und Mikroblutungen, notwendige engmaschige MRT-Kontrollen sowie die Tatsache, dass nur ein ganz kleiner Teil der Alzheimer-Patienten überhaupt für diese Therapien infrage kommt. Selbst der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bewertete für Lecanemab zuletzt keinen belegten Zusatznutzen gegenüber der bisherigen Standardtherapie (siehe hierzu auch: Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) bewertet das Alzheimer-Medikament Lecanemab kritisch) , zudem stehen die Nebenwirkungslast und die Risiken in keiner Relation zu einer spürbaren Wirksamkeit bei den Betroffenen. Diese merken schlicht nichts vom verzögerten Amyloid-Abbau.

Wer nun jedoch glaubt (und dies tun mangels Information die meisten Menschen), die Therapiemöglichkeiten seien hiermit ausgeschöpft und es gelte, wiederum Jahre oder Jahrzehnte auf die nächsten Versuche zu warten, der irrt – und zwar massiv!

Denn während sich Politik und Medien fast ausschließlich auf pharmakologische Ansätze konzentrieren, hat sich parallel dazu seit Jahrzehnten ein völlig anderes medizinisches Feld entwickelt: die verschiedenen Verfahren der sogenannten „nicht-invasiven Hirnstimulation“ – international als „Non-Invasive Brain Stimulation“, kurz NIBS, bezeichnet (siehe hierzu auch: Hirnstimulation). Und klar ist: Sie sind das Beste, was die Medizin bei neurophysiologischen Erkrankungen an Behandlungsoptionen derzeit zu bieten hat – in mehrfacher Hinsicht.

Die stille Revolution der Neurologie: Warum Wissenschaftler längst begonnen haben, das Gehirn nicht mehr nur pharmakologisch zu behandeln

Die Zahlen neurodegenerativer und psychischer Erkrankungen steigen bekanntermaßen weltweit dramatisch an. Alzheimer, Parkinson, Depressionen, auch Long-Covid und chronische Erschöpfungszustände oder therapieresistente psychiatrische Erkrankungen entwickeln sich zunehmend zu einer medizinischen und gesellschaftlichen Jahrhundert-Herausforderung.

Neuronen im Gehirn - Neurogenese

Immer mehr Forschende kamen deshalb schon längst zu dem Schluss, dass die klassische Pharmakologie allein diese Krise nicht lösen wird. Zumal: Zellen, auch Neuronen im Gehirn, agieren nicht nur biochemisch, sondern vor allem auch elektrisch und hinzu kommt, Stichworte Neurogenese und Neuroplastizität, dass der menschliche Organismus, auch im Gehirn, über zahlreiche natürliche Regenerationsmechanismen verfügt. All diese Prozesse können nicht mit Medikamenten, jedoch physikalisch angeregt werden. Diese Logik ist schon lange bekannt und heute in der therapeutischen Anwendung für die Patienten meist frappierend einfach.

Tatsächlich existiert mit den NIBS längst ein wachsendes Therapiefeld, das in der Öffentlichkeit jedoch nach wie vor ein regelrechter blinder Fleck ist: Verschiedene Verfahren, die das Gehirn nicht mit Medikamenten, sondern mit elektrischen, magnetischen oder mechanischen Impulsen stimulieren.

Zu diesen auch Neurostimulations-Verfahren genannten nicht-invasive Hirnstimulations-Methoden zählen unter anderem (es gibt weit mehr):

  • die Transkranielle Pulsstimulation (TPS).
  • die transkranielle Magnetstimulation (TMS/rTMS),
  • die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS),
  • die transkranielle Wechselstromstimulation (tACS),
  • fokussierter Ultraschall (FUS).

Viele dieser Methoden werden längst weltweit an Universitätskliniken, Forschungszentren und spezialisierten Praxen eingesetzt. Tausende (!) wissenschaftliche Studien beschäftigen sich inzwischen mit ihrem therapeutischen Potenzial bei Depressionen, Alzheimer, Parkinson, Schlaganfällen, chronischen Schmerzen oder neuropsychiatrischen Erkrankungen. Besonders bemerkenswert ist dabei: Einige dieser Methoden sind längst in medizinischen Leitlinien angekommen, im Gewahrsein der meisten derjenigen, um die es geht, bei den Patienten und deren Angehörigen, jedoch nicht.

So empfiehlt die aktualisierte Nationale Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ etwa die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) ausdrücklich bei therapieresistenter Depression. Dennoch, so formulierte es Springer Medizin Ende 2024 treffend, führe die Magnetstimulation – völlig zu Unrecht –  in Deutschland „noch immer ein Schattendasein“.

Der Grund dafür liegt ergo nicht an mangelnder Forschung. Im Gegenteil: Allein zur TMS existieren mittlerweile tausende wissenschaftliche Publikationen. Gleichzeitig zeigen große Übersichtsarbeiten und Metaanalysen für verschiedene NIBS-Verfahren eine bemerkenswert gute Verträglichkeit und teils signifikante klinische Effekte. Daran, dass die Verfahren für die Patienten – dies gilt jedenfalls für manche NIBS wie die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) oder die repetitive Magnetstimulation (rTMS) – aufwendig wären oder mit unverhältnismäßigen Nebenwirkungen behaftet, liegt es auch nicht. Ganz im Gegenteil: Dies sind rein äußerlich angewandten Verfahren, die in Praxen und Kliniken ambulant durchgeführt werden und von den Patienten nicht einmal eine Vor- oder Nachbereitungszeit verlangen (sie können sofort in ihren Alltag zurückkehren), sind für die Betroffenen in der Durchführung an Einfachheit kaum zu überbieten.

Experten fordern nachdrücklich mehr Zugang zu den NIBS: „Von entscheidender Bedeutung“ für die Zukunft Europas

Kein Wunder also, dass die Thematik in bestimmten Fachkreisen mittlerweile äußerst ernst genommen wird. Dies zeigt beispielsweise ein bemerkenswertes Whitepaper des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), das gemeinsam mit internationalen Experten erarbeitet wurde. Die Autoren sprechen sich darin eindringlich für einen stärkeren Einsatz nicht-invasiver Hirnstimulationsverfahren in Europa aus und vor allem für die leichtere Zugänglichkeit zu ihnen, was wiederum damit verbunden ist, dass den Patienten solche  Optionen überhaupt vorgeschlagen werden (siehe hierzu auch: Hirnstimulations-Verfahren: Zunehmend essenziell für die Gesundheitsversorgung).

Angesichts explodierender Erkrankungszahlen und überlasteter Gesundheitssysteme könnten die NIBS künftig eine entscheidende Rolle unter anderem dabei spielen,

  • Symptome bei psychischen und neurologischen Erkrankungen zu verbessern,
  • personalisierte Therapien zu ermöglichen,
  • die ambulante Versorgung effizienter auszubauen
  • und die Kosten der Gesundheitssysteme besser kontrollierbar zu machen beziehungsweise diese deutlich zu senken.

Mit anderen Worten: Renommierte Wissenschaftler und Institutionen diskutieren längst nicht mehr darüber, OB nicht-invasive Hirnstimulation relevant ist – sondern WIE sie schneller, breiter und gerechter in die Versorgung integriert werden kann. Doch wie bereits erwähnt und dies ist keinesfalls redundant gemeint: Die Millionen Betroffenen wissen eben kaum etwas darüber – und gleiches gilt für viele niedergelassene Ärzte, vor allem Hausärzte, die oft die ersten Ansprechpartner bei Verdacht auf Alzheimer, Parkinson oder Depressionen sind. Dies bedeutet, die Information der Betroffenen, welche Therapiemöglichkeiten bereits heute für sie bestehen (würden), scheitert schon an der ersten Anlaufstelle.

Von Magnetfeldern über Stoßwellen bis Ultraschall: Die moderne Neurostimulation

Von Magnetfeldern über Stoßwellen bis Ultraschall: Die moderne Neurostimulation ist längst vielfältiger und präziser geworden, als viele Menschen ahnen

Die Vorstellung, Hirnstimulation sei irgendeine experimentelle „Elektrotherapie“, hat mit der heutigen Realität wenig zu tun. Moderne Neurostimulationsverfahren arbeiten hochpräzise und basieren auf komplexen neurowissenschaftlichen Mechanismen.

Die rTMS etwa nutzt Magnetimpulse, um gezielt bestimmte Hirnareale zu modulieren und neuronale Netzwerke zu beeinflussen. Die tDCS arbeitet mit schwachen Gleichströmen, die die Erregbarkeit von Nervenzellen verändern können. tACS wiederum versucht gezielt, gestörte Gehirnrhythmen zu synchronisieren. Und dann gibt es noch Verfahren wie den fokussierten Ultraschall (FUS), der ebenfalls bereits heute bei bestimmten neurologischen Erkrankungen eingesetzt wird. All diese Methoden eint ein gemeinsamer Faktor: Das Gehirn ist kein statisches Organ. Es ist formbar, aktivierbar, plastisch und dynamisch regulierbar – und es kann durchaus regeneriert werden. Dies zeigt besonders eines der derzeit faszinierendsten Verfahren der modernen Neurostimulation: die Transkranielle Pulsstimulation (TPS).

TPS-Therapie: Warum ausgerechnet die Transkranielle Pulsstimulation weltweit immer mehr Aufmerksamkeit erhält

Unter all den Verfahren der modernen Neurostimulation hat sich in den vergangenen Jahren vor allem diese Stoßwellen-Methode besonders stark in den Fokus geschoben. Das ist bemerkenswert. Denn im Vergleich zur jahrzehntelang erforschten Magnetstimulation ist die TPS noch ein vergleichsweise junges Verfahren. Erst 2018 erhielt das System Neurolith, mit dem die TPS durchgeführt wird, die CE-Zulassung zur „Behandlung des zentralen Nervensystems bei Alzheimer-Demenz“. Und dennoch dürfte sie heute bereits eines der bekanntesten Verfahren im Bereich der nicht-invasiven Hirnstimulation sein – nicht zuletzt aufgrund der steigenden internationalen Forschungsaktivitäten, der wachsenden Zahl spezialisierter Zentren weltweit, der im Falle der TPS immerhin zunehmenden medialen Aufmerksamkeit (siehe hierzu auch: TPS-Mediathek), der Arbeit der „Ärztlichen Interessensgemeinschaft TPS“ und mit ihr die kontinuierliche Aufklärungsarbeit des Informationsportals „Alzheimer Deutschland“.

Wie funktioniert die TPS? Die Transkranielle Pulsstimulation arbeitet nicht mit Magnetfeldern oder Strom, sondern mit ultrakurzen, fokussierten Stoßwellen-Impulsen, die tief und präzise ausgerichtet in das Gehirn eindringen können. Dabei nutzt die TPS einen biologischen Mechanismus, der heute als eines der spannendsten Forschungsfelder moderner Neurowissenschaft gilt: die sogenannte Mechanotransduktion (siehe hierzu auch: Mechanotransduktion und ihre Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen).

Mechanische Reize werden von Nervenzellen in biochemische Signale umgewandelt - Mechanotransduktion

Vereinfacht beschrieben bedeutet dies: Mechanische Reize werden von Nervenzellen in biochemische Signale umgewandelt. Dadurch können komplexe zelluläre Prozesse aktiviert werden – darunter Neuroplastizität, Wachstumsfaktoren, Gefäßneubildung, Stoffwechselprozesse und sogar regenerative Mechanismen innerhalb neuronaler Netzwerke. Gerade hierin sehen viele Forschende den entscheidenden Unterschied zu klassischen pharmakologischen Ansätzen. Denn die TPS versucht nicht, einzelne Moleküle oder Ablagerungen im Gehirn zu beeinflussen, sondern direkt die Funktion neuronaler Netzwerke selbst zu modulieren und biologische Regulationsprozesse anzustoßen.

„Wir brauchen dringend Therapien, die wirksam sind, gut verträglich und die Patienten nicht zusätzlich belasten. Die TPS erfüllt diese Kriterien.“ – Was Wissenschaftler und Anwender aus der Praxis berichten

Neben der wachsenden Zahl klinischer Studien, die die vorgenannten Mechanismen untersuchen und die Signifikanz der Therapie untermauern (siehe hierzu auch: Transkranielle Pulsstimulation (TPS) – wissenschaftliche Studien und Publikationen), berichten Wissenschaftler und Anwender immer wieder nachdrücklich von den Effekten, die sie mit der Transkraniellen Pulsstimulation erreichen. Prof. Dr. Dr. Ulrich Sprick, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Leiter des Zentrums für Neurostimulation in Neuss sowie einer der frühen wissenschaftlichen Anwender der TPS, formulierte bereits 2022 ungewöhnlich offen: „Die Therapie funktioniert bei einer Großzahl unserer Patienten in einem Maße, das wir nicht erwartet hätten.“

So sieht es auch Prof. Dr. med. Marc Ziegenbein, Ärztlicher Direktor am Klinikum Wahrendorff in Sehnde/Niedersachsen. Auch er und sein Team begleiten seit mehreren Jahren Patienten mit Alzheimer, zumal in wissenschaftlichen Studien zur TPS – und er zieht ein klares Fazit: „Wir sehen kontinuierlich, dass kognitive Fähigkeiten stabilisiert werden können und in verschiedenen Bereichen Verbesserungen eintreten.“ Dies ist umso bemerkenswerter als die Alzheimer-Krankheit bislang aus konventioneller Sicht offiziell als stets fortschreitende Erkrankung gilt, bei der einmal verlorene Fähigkeiten nicht mehr zurückgeholt werden können.

Besonders ermutigend ist für Prof. Ziegenbein, dass nicht nur die klinischen Studienergebnisse die Wirksamkeit der TPS belegen, sondern dass das Leben der Patienten und damit auch der Angehörigen im Alltag nachweislich leichter wird. Die Familien Betroffener berichten, ihre Partner, Eltern, Tanten oder Onkel seien wieder präsenter, kommunikativer, zugewandter. „In den Testergebnissen zeigen sich Erfolge, aber entscheidend ist auch, dass der Alltag der Menschen tatsächlich wieder leichter und lebendiger wird.“ Für Ziegenbein ist das mehr als ein medizinischer Erfolg – es ist ein gesellschaftliches Signal: „Wir wissen, dass die Zahl der Betroffenen von Alzheimer und anderen Demenzen weiterhin drastisch steigen wird. Deshalb brauchen wir dringend Therapien, die wirksam sind, gut verträglich und die Patienten nicht zusätzlich belasten. Die TPS erfüllt diese Kriterien.“

Eine generelle Frage, die sowohl für Fachleute als auch für Betroffene von hoher Relevanz ist, ist natürlich jene nach dem Erhalt der regenerierenden Effekte einer TPS-Therapie. Da die TPS nun schon seit einigen Jahren eingesetzt wird, können hierzu mittlerweile valide Aussagen getroffen werden, die zwischenzeitlich auch durch klinische Studien zum Langzeitverlauf flankiert werden: Tatsächlich ist die Therapie weit mehr als ein kurzfristiger Impuls. Dipl.-Med. Ralf Bodenschatz, Neurologe und Psychiater in Chemnitz, zählt zu den ersten niedergelassenen Anwendern der TPS in der Praxis. Auch er begleitet seit dem Jahr 2022 Patienten mit Alzheimer, die in regelmäßigen Abständen in einzelnen Sitzungen rund alle 4 bis 6 Wochen mit der Methode behandelt werden. „Wir sehen bei den meisten unserer Patienten eine Stabilisierung über viele Monate, teils über Jahre – und das bei einem Krankheitsbild, bei dem wir sonst einen kontinuierlichen Abbau erwarten“, berichtet Bodenschatz, und das gelte für ca. 80 Prozent seiner Patienten. „Solche Erfolgszahlen sind in der Medizin die absolute Ausnahme.“

Auch für Bodenschatz selbst hat sich das Leben bzw. seine Lebensplanung durch die TPS grundlegend verändert. Der frühere Inhaber und Leiter eines großen Medizinischen Versorgungszentrums mit mehreren Standorten und über 80 Mitarbeitern, der zudem heute noch das Pharmakologische Studienzentrum Chemnitz betreibt, wollte sich eigentlich just 2022 aus dem Praxis-Alltag zurückziehen. Doch die TPS machte dem vormals rein pharmakologisch orientierten Schulmediziner einen Strich durch die Rechnung: „Wie soll ich mich als Arzt zurückziehen, wenn wir endlich eine wirksame Methode haben, die Alzheimer- und anderen Demenzpatienten oder natürlich auch Parkinson-Patienten solche Chancen bietet? Ich jedenfalls kann das nicht, solange die TPS nicht in jeder Stadt verfügbar ist und noch nicht als Standard neben der Medikation eingesetzt wird. Hier dranzubleiben, bin ich meinen Patienten schuldig.“ Also arbeitet Bodenschatz weiter, anstatt sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzuziehen.

All solche Aussagen wären vor wenigen Jahren in der Alzheimer-Therapie kaum denkbar gewesen. Die TPS hat diese Diskussion grundsätzlich auf ein neues Level gehoben. Hinzu kommt übrigens: Immer mehr Fachzentren kombinieren die TPS inzwischen mit anderen Verfahren wie der rTMS zu multimodalen Therapieansätzen. Die moderne Neurostimulation entwickelt sich damit zunehmend zu einem eigenständigen therapeutischen Feld.

Warum viele Betroffene erst viel zu spät von der TPS und anderen NIBS erfahren – und weshalb genau das zunehmend zum Problem wird

Zwar konnten mittlerweile viele tausende Patienten von der Transkraniellen Pulsstimulation profitieren und gleiches gilt natürlich für die anderen NIBS-Verfahren. Aber der Weg zur Therapie ist nach wie vor weit und kompliziert. Bei „Alzheimer Deutschland“ etwa ist eine der häufigsten ersten Fragen: „Warum haben wir von dieser Methode nicht früher erfahren?“ Oder: „Wie viel Zeit hätten wir vielleicht noch gewinnen können, wenn wir früher davon gewusst hätten?“

Dies illustriert den eigentlichen Kern der Problematik: Warum wird über ein ganzes Therapiefeld mit tausenden Studien, internationalen Forschungsprogrammen, Leitlinienstatus einzelner Verfahren, universitären Zentren und zunehmender klinischer Erfahrung bis heute so wenig öffentlich gesprochen? Warum kennen Millionen Menschen heute zwar die Namen von Antikörpern wie Lecanemab oder Donanemab – aber kaum jemand Begriffe wie rTMS, tDCS oder TPS? Und weshalb müssen Betroffene meist selbst mühsam recherchieren, um überhaupt von solchen Möglichkeiten zu erfahren?

Gerade bei neurodegenerativen Erkrankungen ist Zeit ein entscheidender Faktor. Jeder gewonnene Monat, jedes stabilisierte Jahr, jede erhaltene Alltagsfähigkeit bedeutet Lebensqualität – nicht nur für die Patienten selbst, sondern auch für ihre Angehörigen.

Nicht-invasive Hirnstimulation - u.a. rTMS, tDCS und TPS

Spätestens an diesem Punkt bekommt die Diskussion um die nicht-invasive Hirnstimulation eine Dimension, die weit über einzelne Therapieverfahren hinausgeht. Denn längst geht es nicht mehr „nur“ um medizinische Innovationen. Es geht um die bereits von Prof. Ziegenbein formulierten zentralen gesellschaftlichen Fragen der kommenden Jahrzehnte: Wie sollen Gesundheitssysteme, Pflege und Familien die dramatisch steigende Zahl neurologischer und psychischer Erkrankungen überhaupt noch bewältigen?

Schon heute sprechen Experten offen von einem Pflegenotstand. Die Zahl der Menschen mit Alzheimer-Demenz und anderer neurodegenerativer Erkrankungen wird in den kommenden Jahren massiv ansteigen, gleichzeitig fehlen Pflegekräfte, stationäre Plätze und finanzielle Ressourcen. Für viele Familien beginnt mit einer Demenzdiagnose nicht nur eine emotionale Ausnahmesituation, sondern oft auch ein wirtschaftlicher Albtraum.

Denn ein Pflegeheimplatz kostet in Deutschland mittlerweile durchschnittlich rund 4.000 Euro Eigenanteil pro Monat – wohlgemerkt, zusätzlich zu den Leistungen der Pflegeversicherung. Viele Familien müssen dafür ihre Rücklagen aufbrauchen, Immobilien verkaufen oder geraten selbst in existentielle Krisen. Und reichen die finanziellen Mittel irgendwann nicht mehr aus, muss letztlich der Sozialstaat die Kosten übernehmen.

Moderne Neurostimulation könnte entlasten – doch Politik und Versorgung reagieren bislang kaum

Umso erstaunlicher erscheint es, dass Verfahren der nicht-invasiven Hirnstimulation in gesundheitspolitischen Debatten bis heute praktisch keine Rolle spielen. Denn während moderne Antikörper-Therapien wie Lecanemab Kosten von rund 30.000 Euro pro Jahr und Patient verursachen – notwendige MRT-Kontrollen, Diagnostik und Begleitmaßnahmen noch nicht eingerechnet – bewegen sich viele NIBS-Verfahren in einem völlig anderen Kostenrahmen. Eine TPS-Therapie etwa kostet derzeit meist zwischen rund 2.000 und 3.000 Euro. Auch andere Neurostimulationsverfahren sind im Verhältnis zu langfristigen Pflege- und Krankenhauskosten vergleichsweise günstig.

Besonders bemerkenswert – und auch unverständlich – ist dabei: Selbst jene NIBS-Verfahren, die längst in medizinischen Leitlinien angekommen sind – wie etwa die rTMS bei therapieresistenter Depression – werden von gesetzlichen Krankenkassen oft nur eingeschränkt oder gar nicht übernommen. Private Krankenversicherungen zeigen sich hier vielfach deutlich offener. Dort scheint man erkannt zu haben, dass der möglichst lange Erhalt von Selbstständigkeit und Lebensqualität ihrer Versicherungsklientel langfristig auch erhebliche Folgekosten vermeiden kann.

Natürlich wäre es zu einfach, all dies monokausal erklären zu wollen. Gesundheitssysteme sind komplex, die Bürokratie-Hürden enorm und politische Entscheidungsprozesse langsam. Doch die Fragen bleiben dennoch bestehen: Liegt das Schattendasein vieler NIBS-Verfahren tatsächlich nur an fehlender Information? An mangelnder Aufklärung? An zu geringer öffentlicher Aufmerksamkeit? Oder spielt möglicherweise auch die Tatsache eine Rolle, dass die Medizintechnik, die die Geräte zu den verschiedenen NIBS-Methoden entwickelt und bereitstellt, schlicht nicht über dieselbe wirtschaftliche und politische Lobby verfügt wie andere Bereiche der Gesundheitsindustrie?

Fest steht jedenfalls: Je größer die gesellschaftliche Belastung durch neurodegenerative und psychiatrische Erkrankungen wird, desto schwieriger dürfte es werden, ein gesamtes Therapiefeld dauerhaft zu ignorieren, das weltweit längst intensiv erforscht, klinisch angewandt und von immer mehr Fachleuten aktiv eingefordert wird.

NIBS muss prominenter werden – im Interesse von Millionen Betroffenen, Angehörigen und einer überlasteten Gesellschaft

Natürlich können die nicht-invasiven Hirnstimulationsverfahren die Medizin nicht „über Nacht revolutionieren“. Auch die NIBS-Methoden sind kein Wundermittel, nicht jeder Patient spricht gleichermaßen auf sie an und selbstverständlich bedarf es weiterer Forschung, größerer Studien und einer zunehmend standardisierten Versorgung.

Doch die Zeit, in der man die NIBS als exotische Randerscheinung oder „experimentelle Zukunftsmedizin“ abtun konnte, ist längst vorbei. Gerade deshalb tragen Medien, Gesundheitspolitik, Krankenkassen, Fachgesellschaften und medizinische Institutionen hier eine enorme Verantwortung. Denn Aufklärung bedeutet in diesem Zusammenhang weit mehr als reine Information. Sie bedeutet für viele Menschen Hoffnung, Orientierung und möglicherweise viel gewonnene Zeit.

Das Beispiel der Transkraniellen Pulsstimulation (TPS) hat bereits gezeigt, welche Wirkung allein eine sachliche und objektive Berichterstattung entfalten kann. Erst durch Fernsehberichte, wissenschaftliche Beiträge, Interviews, Dokumentationen und Informationsplattformen wie „Alzheimer Deutschland“ erfuhren überhaupt tausende Betroffene und Angehörige, dass heute bereits moderne nicht-invasive Behandlungsoptionen existieren. Doch das reicht bei weitem nicht aus.

Die nicht-invasive Hirnstimulation per se darf kein Randthema mehr sein, das können wir uns eigentlich gar nicht leisten. Sie betrifft schließlich die Behandlungsmöglichkeiten für Millionen Patienten mit Alzheimer, Parkinson, Depressionen, Long Covid und anderen neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen – ebenso wie deren Angehörige, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitssysteme und letztlich unsere gesamte Gesellschaft.

So ist die Zeit eben längst überreif dafür, an dem diese Verfahren endlich dort ankommen müssen, wo sie hingehören: nicht nur in wissenschaftliche Fachkreise oder wenigstens – das wäre immerhin ein Anfang – in gesundheitspolitische Debatten, sondern mitten hinein in die öffentliche Kommunikation. Denn nur wenn Hausärzte, Neurologen, Psychiater, Angehörige und Betroffene sowie Medienvertreter überhaupt wissen, welche Möglichkeiten die moderne nicht-invasive Hirnstimulation bereits heute bietet, können Patienten rechtzeitig ihren Weg zu wirksamen Therapien finden – und damit genau jene Zeit, Lebensqualität und Selbstständigkeit gewinnen, die bei neurodegenerativen und psychischen Erkrankungen von solch unschätzbarem Wert sind.

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