
Hochrangige Analyse stellt Evidenz gängiger Medikamente infrage – innovative Therapieansätze wie die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) rücken stärker in den Fokus
Morbus Parkinson zählt weltweit zu den am schnellsten zunehmenden neurodegenerativen Erkrankungen. Mit der steigenden Prävalenz wächst auch der Druck auf die Medizin, wirksame und gut verträgliche Therapien bereitzustellen. Medikamente wie Levodopa, Dopaminagonisten oder andere symptomorientierte Wirkstoffe sind nach wie vor ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Gleichzeitig mehren sich jedoch wissenschaftliche Hinweise darauf, dass ihre Wirksamkeit – insbesondere langfristig – begrenzt ist und mit relevanten Nebenwirkungen einhergehen kann.
Parallel dazu rücken innovative, nicht-invasive Therapieansätze stärker in den Fokus der Forschung. Dazu zählt die Transkranielle Pulsstimulation (TPS), die zunehmend auch im Zusammenhang mit Parkinson untersucht wird. Klinische Erfahrungen aus spezialisierten Praxen und Kliniken sowie neue Pilotstudien – unter anderem aus dem Umfeld der Harvard Medical School – deuten darauf hin, dass TPS eine zukunftsträchtige Ergänzung zur medikamentösen Therapie darstellen könnte (siehe hierzu auch.
Was untersucht die neue Meta-Studie zu Parkinson-assoziierten Bewegungsstörungen?
Eine aktuelle, hochrangige Übersichtsarbeit liefert nun eine wichtige Grundlage für diese Diskussion. Veröffentlicht wurde sie 2026 im renommierten Fachjournal „Movement Disorders“. Herausgegeben wurde sie von der „International Parkinson and Movement Disorder Society“, einer der weltweit maßgeblichen Fachgesellschaften für Morbus Parkinson und Bewegungsstörungen.
Die Autoren analysierten randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs) zu medikamentösen Behandlungen des Essenziellen Tremors – einer Bewegungsstörung, die sich in Symptomatik, Behandlungsansätzen und klinischer Praxis teilweise mit Parkinson überschneidet. Bewertet wurden ausschließlich Studien mit anerkannten klinischen Skalen und nach dem international etablierten GRADE-System zur Bewertung der Evidenzqualität.
Welche Medikamente wurden bewertet – und mit welchem Ergebnis?
Untersucht wurden unter anderem Betablocker wie Propranolol, Antikonvulsiva wie Primidon oder Topiramat, sedierende Substanzen sowie weitere häufig eingesetzte Medikamente. Viele dieser Wirkstoffe werden seit Jahrzehnten in der Praxis verwendet.
Das zentrale Ergebnis der Analyse ist bemerkenswert: Für keines der untersuchten Medikamente konnte eine ausreichend robuste wissenschaftliche Evidenz nach modernen Standards nachgewiesen werden, um seine Wirksamkeit eindeutig zu belegen. Zwar zeigten einzelne Studien statistisch signifikante Effekte, doch litten diese häufig unter kleinen Fallzahlen, kurzen Beobachtungszeiträumen, hohen Abbruchraten oder relevanten Nebenwirkungen. Die Gesamtbewertung der Evidenz lag überwiegend im niedrigen bis sehr niedrigen Bereich.
Was bedeutet „unzureichende Evidenz“ – und was nicht?
Wichtig ist die richtige Einordnung: Die Autoren erklären ausdrücklich nicht, dass die Medikamente wirkungslos seien oder nicht mehr eingesetzt werden dürften. Vielmehr zeigt die Analyse, dass ihre Anwendung häufig stärker auf klinischer Erfahrung und historischer Praxis beruht als auf belastbaren Langzeitdaten.
Mit anderen Worten: Die Medizin ist in diesem Bereich in vielen Fällen weiter in der Routine als in der Evidenz. Für Betroffene bedeutet das, dass medikamentöse Therapien weiterhin sinnvoll sein können – jedoch mit realistischer Erwartungshaltung und transparenter Aufklärung über ihre Grenzen.
Warum diese Ergebnisse auch für Parkinson relevant sind
Auch wenn sich die Meta-Studie formal auf den Essenziellen Tremor bezieht, sind ihre Schlussfolgerungen auch für die Behandlung von Parkinson hochrelevant. Viele der untersuchten Medikamente werden bei Parkinson-assoziiertem Tremor oder ähnlichen Symptomen eingesetzt. Gleichzeitig ist bekannt, dass die Wirksamkeit dopaminerger Therapien im Krankheitsverlauf häufig nachlässt und motorische Fluktuationen sowie Nebenwirkungen zunehmen. Die Studie unterstreicht damit, was viele Betroffene und Behandler aus der Praxis kennen: Der Bedarf an ergänzenden, gut verträglichen Therapieansätzen ist groß.
Nicht-invasive Hirnstimulation rückt stärker in den Fokus
Vor diesem Hintergrund gewinnen Verfahren der nicht-invasiven Hirnstimulation zunehmend an Bedeutung. Die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) gehört zu diesen Ansätzen. Sie nutzt niedrigenergetische Stoßwellenimpulse, die navigationsgestützt auf bestimmte Hirnareale gerichtet werden, um neuroplastische Prozesse und die Modulation neuronaler Netzwerke anzuregen.
Während TPS bereits aus der Alzheimer-Forschung bekannt ist, wächst seit einigen Jahren auch das wissenschaftliche Interesse an ihrem Einsatz bei Parkinson. Eine neue Pilotstudie aus dem Umfeld der Harvard Medical School zeigt bei Parkinson-Patienten klinisch relevante Verbesserungen motorischer und nicht-motorischer Symptome bei sehr guter Verträglichkeit – siehe hierzu: Neue Pilot-Studie aus Harvard zeigt deutliche Verbesserungen bei Parkinson
Was diese Ergebnisse für von Tremor Betroffene und Parkinson-Patienten letztlich bedeuten
Weder die Meta-Studie zu Medikamenten noch die aktuellen TPS-Untersuchungen liefern einfache Antworten. Sie zeichnen jedoch ein konsistentes Bild: Die Behandlung von Parkinson und Tremor steht an einem Wendepunkt. Standardmedikamente bleiben wichtig, stoßen aber an Grenzen. Gleichzeitig eröffnen innovative Verfahren neue Perspektiven – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung.
Für Betroffene, Angehörige und Fachleute bedeutet das vor allem eines: Die Zukunft der Parkinson-Therapie wird differenzierter, individueller und multidimensionaler sein als bisher.
Fazit: Wissenschaftlicher Weckruf und Chancen für neue Wege
Die aktuelle Meta-Studie macht deutlich, wie groß die Lücke zwischen klinischer Praxis und belastbarer Evidenz bei medikamentösen Therapien noch ist. Zugleich zeigt sie, warum Forschung zu neuen, gut verträglichen Ansätzen dringend notwendig ist. Verfahren wie die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) werden international zunehmend untersucht und könnten perspektivisch dazu beitragen, die Lebensqualität der Patienten zu erhalten, wenn klassische Therapien an ihre Grenzen stoßen.
Zur Originalstudie in „Movement Disorders“:
https://movementdisorders.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/mds.70184

