
Alzheimer, Demenz und das glymphatische System: Neue Studien zeigen, wie eng Schlaf und die körpereigene Gehirnreinigung zusammenhängen
Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz – und die Zahl der Betroffenen steigt kontinuierlich. Mit der Zunahme von Alzheimer und Demenz Betroffener wächst auch die Herausforderung, neurodegenerative Erkrankungen nicht nur wirksam zu behandeln, sondern möglichst früh zu verhindern. Während innovative Verfahren wie die Transkranielle Pulsstimulation (TPS), die Symptomatiken reduzieren und den Krankheitsverlauf deutlich verlangsamen kann, zunehmend in spezialisierten Kliniken und Praxen eingesetzt werden, rückt ein weiterer, lange unterschätzter Faktor immer stärker in den Fokus der Wissenschaft: der Schlaf.
Was viele Menschen noch nicht wissen: Unser Gehirn besitzt ein eigenes „Reinigungssystem“, das sogenannte glymphatische System – dieser körpereigene Regenerationsmechanismus wurde erst im Jahr 2012 beschrieben und wird seither intensiv erforscht. Dieses System ist vor allem im Tiefschlaf aktiv und sorgt dafür, dass Stoffwechselabfälle wie Beta-Amyloid und Tau-Proteine aus dem Gehirn abtransportiert werden. Dies sind jene Proteine, die bei der Entstehung von Alzheimer-Demenz unter anderem eine der zentralen Rollen spielen.
Alzheimer-Therapie Transkranielle Pulsstimulation (TPS) soll auch das glymphatische System unterstützen
Auch hier könnte die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) übrigens künftig gezielt zum Einsatz kommen: Erste wissenschaftliche Arbeiten legen nahe, dass die TPS über Veränderungen neuronaler Netzwerke indirekt Einfluss auf das glymphatische System nehmen könnte – ein Aspekt, der aktuell weiter untersucht wird. In den ersten explorativen Untersuchungen zeigte sich nämlich, dass die Stoßwellen der TPS-Therapie funktionelle Netzwerke – insbesondere Gamma-Oszillationen – modulieren können (siehe hierzu: Das glymphatische System: Tiefer Schlaf schützt das Gehirn).
Schlaflos in Deutschland: Von gutem Schlaf ist die Bevölkerung mittlerweile weit entfernt
Rund ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland berichtet regelmäßig über Schlafprobleme, etwa 10 bis 15 Prozent erfüllen Kriterien sogar einer chronischen Insomnie. Diese ist medizinisch definiert als Ein- oder Durchschlafstörung an mindestens drei Nächten pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten, verbunden mit spürbaren Beeinträchtigungen am Tag. Neue große Langzeitstudien zeigen nun, dass schlechter Schlaf nicht nur belastend ist – sondern das Risiko für Alzheimer und andere Demenzformen erheblich erhöhen kann.
Schlafstörungen verdoppeln das Risiko für Alzheimer und Demenz
Eine der bislang größten Analysen stammt vom UK Dementia Research Institute in Cardiff und dem NIH in den USA. Forschende werteten mehr als eine Million elektronische Gesundheitsdatensätze aus drei großen Biobanken aus. Das Ergebnis ist deutlich: Menschen mit diagnostizierten Schlafstörungen hatten in den folgenden 10 bis 15 Jahren ein signifikant erhöhtes Risiko, eine neurodegenerative Erkrankung zu entwickeln – teils nahezu doppelt so hoch wie bei Personen ohne Schlafdiagnose.
Besonders relevant für Alzheimer: Zirkadiane Schlafstörungen sowie chronische, nicht-organische Schlafstörungen wie Insomnie standen klar mit späteren Alzheimer-Diagnosen in Zusammenhang. Auffällig war zudem, dass dieser Zusammenhang unabhängig vom genetischen Risiko auftrat – ein Hinweis darauf, dass Schlafstörungen als eigenständiger Risikofaktor wirken könnten.
Mayo Clinic-Studie: 40 Prozent höheres Demenzrisiko bei chronischer Insomnie
Auch eine große Studie der Mayo Clinic, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Neurology, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Über 2.700 kognitiv gesunde ältere Erwachsene wurden über mehrere Jahre begleitet. Personen mit chronischer Insomnie hatten ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko, eine leichte kognitive Störung oder Demenz zu entwickeln.
Bildgebende Untersuchungen zeigten zudem mehr Amyloid-Ablagerungen sowie Veränderungen der weißen Substanz im Gehirn. Besonders eindrücklich: Teilnehmer mit reduziertem Schlaf zeigten kognitive Testwerte, die in etwa denen von Personen entsprachen, die rund vier Jahre älter waren.
REM-Schlaf als mögliches Frühwarnsignal für Alzheimer-Demenz
Neben der Schlafdauer rückt zunehmend auch die Schlafarchitektur in den Fokus der Alzheimer-Forschung. Eine aktuelle Untersuchung analysierte die sogenannte REM-Schlaf-Latenz, also die Zeitspanne zwischen dem Einschlafen und dem Eintritt in die erste REM-Phase (dies sind die Phasen, in denen wir träumen).
Dabei zeigte sich, dass eine verlängerte REM-Latenz mit einer erhöhten Amyloid-β-Ablagerung, gesteigerten p-Tau181-Werten im Blut und niedrigeren Spiegeln des neuroprotektiven Faktors BDNF assoziiert war.
Diese Biomarker gelten als zentrale Kennzeichen der Alzheimer-Pathologie – oft lange bevor klinische Symptome auftreten. Die Autoren diskutieren daher, dass REM-Schlaf-Störungen möglicherweise ein sehr frühes Anzeichen beginnender neurodegenerativer Prozesse darstellen könnten. Besonders interessant ist dabei, dass die Veränderungen auch bei Personen beobachtet wurden, die noch keine kognitiven Einschränkungen zeigten.
Das glymphatische System: Wenn das Gehirn nachts „aufräumt“
Die biologische Verbindung zwischen Schlaf und Alzheimer führt zurück zum glymphatischen System. Dieses Netzwerk aus Flüssigkeitskanälen wird vor allem im Tiefschlaf aktiv. In dieser Phase erweitern sich die Zwischenräume im Gehirngewebe, die Zirkulation der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit nimmt zu, und synchronisierte neuronale Wellen unterstützen die Entfernung von Stoffwechselabfällen.
Funktioniert dieser Mechanismus nicht ausreichend – etwa durch chronischen Schlafmangel oder fragmentierten Schlaf – können sich toxische Proteine im Gehirn anreichern. Mit zunehmendem Alter scheint die Effizienz dieses Systems ohnehin abzunehmen. Chronisch gestörter Schlaf könnte diesen altersbedingten Rückgang zusätzlich beschleunigen.
Schlaf als modifizierbarer Alzheimer-Risikofaktor
Im Gegensatz zu genetischen Risikofaktoren ist Schlaf beeinflussbar. Genau das macht ihn für die Alzheimer-Prävention so relevant. Chronische Schlafstörungen wirken wie beschrieben über mehrere biologische Ebenen: Sie fördern die Anreicherung von Amyloid und Tau, beeinträchtigen die Gefäßgesundheit, stören cholinerge Netzwerke und reduzieren neuroprotektive Faktoren wie BDNF. Gleichzeitig wird die Aktivität des glymphatischen Reinigungssystems eingeschränkt. Auf diese Weise entsteht über Jahre hinweg ein Milieu, das neurodegenerative Prozesse begünstigen kann.
Die wachsende Studienlage legt deutlich nahe, dass die konsequente Behandlung von Schlafstörungen nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern eben auch das Alzheimer- und Demenzrisiko deutlich senken könnte.
Chronische Schlafstörungen sollten daher keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. Wer über längere Zeit unter Ein- oder Durchschlafproblemen leidet, sollte sich ärztlich beraten lassen. Viele Betroffene erleben, wie schwer es ist, diesen Zustand aus eigener Kraft zu durchbrechen – professionelle Unterstützung kann hier nicht nur die Lebensqualität verbessern, sondern möglicherweise auch langfristige Risiken reduzieren.
Quellen:
https://www.sciencedaily.com/releases/2025/09/250913232924.htm
https://www.psychiatrist.com/news/study-links-rem-sleep-disruptions-to-alzheimers-pathology
https://academic.oup.com/braincomms/article/4/6/fcac257/6793746

