Alzheimer, Parkinson und Long-Covid: Dr. Sven Seewald über Neuromodulation

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Ursachenmediziner und Buchautor Sven Seewald über Regulationsmedizin, die Entstehung von Alzheimer im Kontext der aktuellen Umweltmedizin und moderne Behandlungsoptionen

„Neuromodulation“ als Behandlungs-Methode bei neurodegenerativen und psychiatrischen Erkrankungen ist ein noch recht unbekannter Begriff, der jedoch zunehmend von sich reden macht. Was bedeutet diese Bezeichnung? Neuromodulation bezeichnet sehr vereinfacht, dem Gehirn gezielte Impulse zu geben, damit dessen Nervenzellen wieder besser miteinander kommunizieren können.

Weshalb die Neuromodulation vermehrt eingesetzt wird, hat einen klaren wissenschaftlichen Hintergrund: Die Medizin beginnt, das Gehirn aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Während bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen bislang biochemische Prozesse und damit deren medikamentöse Beeinflussung im Mittelpunkt standen, beachtet man heute zudem, dass unsere Zellen generell nicht nur biochemisch, sondern auch bioelektrisch agieren und funktionieren.

Behandlungsmethoden, die natürliche physikalische Wirkmechanismen nutzen – etwa die Transkranielle Pulsstimulation (TPS), die repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS), fokussierter Ultraschall (FUS), die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) und andere mehr – arbeiten mit völlig anderen Ansätzen als jene der Medikation. Die neuen Neuromodulations-Verfahren sollen die Aktivität neuronaler Netzwerke gezielt beeinflussen und dort ansetzen, wo die Kommunikation zwischen Nervenzellen gestört ist sowie jene Regulations- und Regenerationsmechanismen fördern, die der Mensch ohnehin latent in sich trägt.

Das Prinzip der Regulation ist auch seit langem das Grundkonzept des österreichischen Mediziners Dr. Sven Seewald vom „Zentrum Seewald“ in Bregenz, Vorarlberg, der mittlerweile ebenfalls mit Neuromodulations-Verfahren arbeitet und zudem gerade ein viel beachtetes Buch mit dem Titel „Ressourcen statt Reparatur – Wie Gesundheit entsteht, wenn der Mensch wieder im Mittelpunkt steht“ geschrieben hat (siehe Info-Kasten). Mit Katja C. Schmidt, Initiatorin und Chefredakteurin von ALZHEIMER DEUTSCHLAND hat er im nachfolgenden Interview über Neuromodulation und Regulationsmedizin gesprochen.

Neuromodulation: Die Medizin beginnt, die Sprache der Nervenzellen zu nutzen

Doch vorab wollen wir kurz zusammenfassen: Unser Gehirn ist bekanntlich ein hochkomplexes Kommunikationsnetzwerk. Milliarden Nervenzellen tauschen Informationen über elektrische Impulse und chemische Botenstoffe aus. Erst das Zusammenspiel dieser beiden Mechanismen ermöglicht unser Denken, Erinnern, Bewegung, Wahrnehmung und auch unsere Emotionen. Deshalb nutzen die Verfahren der Neuromodulation physikalische Reize, um die Aktivität des Nervensystems zu beeinflussen. Dabei können Nervenzellen und neuronale Netzwerke je nach Verfahren, Stimulationsort und Behandlungsprotokoll entweder angeregt oder auch gehemmt werden.

Die hier zugrunde liegenden Prinzipien sind übrigens keineswegs völlig neu. Die elektrische Aktivität des Gehirns wird seit Jahrzehnten intensiv erforscht. Neu sind vielmehr die zunehmende technische Präzision, die Weiterentwicklung nicht-invasiver Verfahren und die Möglichkeit, unterschiedliche Stimulationsmethoden gezielt therapeutisch einzusetzen.

Ursachenforschung: Keine Erkrankung entsteht aus einer einzigen Ursache heraus

Parallel dazu verändert sich derzeit auch das Verständnis der Entstehung neurologischer und psychiatrischer – und überhaupt aller –  Erkrankungen: Alzheimer, andere Formen der Demenz, aber auch Parkinson oder Depressionen lassen sich nicht mehr auf einen einzigen biologischen Mechanismus reduzieren.

Gerade in den letzten beiden Jahren, also 2025 und 2026, zeigen Studien und Untersuchungen, dass beispielsweise auch Umweltbelastungen (etwa Schwermetalle, Pestizide, Mikroplastik, PFAS etc.) eine zunehmende Rolle in der Ursächlichkeit spielen, denn durch sie kommt es vermehrt zu chronischen Entzündungsprozessen, oxidativem Stress, Stoffwechselstörungen und vaskulären Veränderungen, die auf unterschiedliche Weise zusammenwirken (siehe hierzu auch: Mikroplastik und Ewigkeitschemikalien (PFAS): Unsichtbare Gefahr für unser Gehirn?). Manche Wissenschaftler sprechen deshalb bereits von einem Paradigmenwechsel im medizinischen Verständnis: kein Organ im Körper agiert losgelöst vom anderen, alles ist mit allem verbunden. Eine ausschließlich symptomorientierte Behandlung greift hier nur unzureichend. Und so wenden sich Ärzte verschiedenster Fachrichtungen zunehmend hin zu einer Medizin, die mehrere Krankheitsmechanismen und die Regulationsfähigkeit des gesamten Organismus berücksichtigt.

Dr. med. Sven Seewald: „Wir wollen die Regulationsfähigkeit verbessern“

Für den Mediziner Sven Seewald sind all die Erkenntnisse zur Ursächlichkeit unserer Zivilisationskrankheiten generell nicht neu. Ursachenmedizin sowie Regulations-Medizin sind für ihn seit über 20 Jahren tragende Säulen in seinem Zentrum Seewald. Dass Seewald, der vor und während seines Studiums die halbe Welt bereiste, um sich mit unterschiedlichsten medizinischen Konzepten vertraut zu machen und sich auch zum Osteopathen ausbilden ließ, schon oftmals Vorreiter war, zeigt diese kleine Geschichte: „Ich habe schon vor 20 Jahren den Vitamin-D-Status meiner Patienten im Labor auswerten lassen. Das führte dann zu der Frage, warum ich das mache? Ganz einfach: Dieses Hormon steuert lebenswichtige Prozesse im Körper und ein Mangel öffnet Krankheiten Tür und Tor. Seit circa 2015 ist das auch allgemein bekannt, aber damals war das eben noch eine Ausnahmeerscheinung,“ so Seewald im Gespräch mit ALZHEIMER DEUTSCHLAND.

Bei ihm ist die Neuromodulation heute ein weiterer, letztlich logischer Baustein seines sich stetig aktualisierenden Gesamtkonzepts. In seinem Zentrum setzt er unter anderem das Stoßwellen-Verfahren Transkranielle Pulsstimulation (TPS), die Gleichstrom-Therapie tDCS und die Vagusnervstimulation ein.

Katja C. Schmidt (KCS): „Herr Dr. Seewald, warum haben Sie vor einigen Monaten gleich mehrere Verfahren der Neuromodulation in Ihr Zentrum Seewald geholt?“
Dr. Sven Seewald (Seewald): „Ich beschäftige mich seit vielen Jahren damit, wie wir die eigene Regulationsfähigkeit des menschlichen Organismus verbessern können. Gerade bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen waren unsere bisherigen therapeutischen Möglichkeiten jedoch, vorsichtig formuliert, eher begrenzt. Wir konnten zwar die Mikronährstoffversorgung optimieren, uns um das Darmmikrobiom kümmern und verschiedene Stoffwechselprozesse unterstützen. Das hat durchaus zur Stabilisierung beigetragen, aber größere Veränderungen haben wir bei diesen Patienten meist nicht erreicht.
Deshalb hat mich die Neuromodulation sofort interessiert, als ich erstmals davon hörte. Im Februar 2025 habe ich mich bei einem spezialisierten Team auf Zypern intensiv mit diesen Verfahren beschäftigt und dort unmittelbar an der Untersuchung und Behandlung von Patienten mitgewirkt. Besonders stark beeindruckt hat mich, welche funktionellen Veränderungen wir bei einzelnen Patienten direkt beobachten konnten. Diese Neuromodulations-Verfahren sind tatsächlich absolute ‚Gamechanger‘, dessen sind viele meiner Kollegen und ich uns sicher. Denn damit können wir neben den biochemischen Prozessen auch die neuronale Aktivität und Kommunikation im Gehirn gezielt beeinflussen.“
KCS: „Sie arbeiten heute unter anderem mit der Transkraniellen Pulsstimulation, der Gleichstromstimulation und der Vagusnervstimulation. Was verbindet diese unterschiedlichen Verfahren und wie entscheiden Sie, welche Behandlung für einen Patienten geeignet ist?“
Seewald: „Die Gemeinsamkeit ist, dass wir mit unterschiedlichen physikalischen Impulsen auf das Nervensystem einwirken. Das können Gleichstromimpulse sein, elektrische Reize zur Vagusnervstimulation oder die mechanischen, ganz niedrigenergetischen Stoßwellen-Impulse der Transkraniellen Pulsstimulation. Entscheidend ist aber zunächst der Patient. Wir wollen uns einen möglichst guten Überblick darüber verschaffen, welche neurologischen Funktionen jeweils beeinträchtigt sind. Dazu berücksichtigen wir vorhandene neurologische Befunde, bildgebende Untersuchungen, eigene funktionelle Tests und natürlich das, was uns die Patienten, auch mit ihren Angehörigen, über ihre Beschwerden und Einschränkungen berichten. Auf dieser Grundlage stellen wir dann das individuelle Behandlungsprotokoll zusammen. Wir versuchen also nicht, jedem Patienten dasselbe Programm anzubieten, sondern die Stimulation an seine jeweiligen funktionellen Einschränkungen anzupassen.“
KCS: „Sie haben nun seit einigen Monaten eigene Erfahrungen gesammelt. Haben sich die positiven Beobachtungen aus Zypern in Ihrer Praxis bestätigt?“
Seewald: „Wir sehen bereits sehr interessante und positive Entwicklungen, allerdings muss man die Erwartungen realistisch halten. Nicht jedes Gehirn eines Patienten reagiert gleich schnell und nicht jeder erlebt sofort eine deutliche Verbesserung. Was man nämlich bei manchen beeindruckenden Patientenberichten oder auch Videos in den sozialen Medien leicht übersieht, ist der zeitliche Verlauf, denn solche Entwicklungen geschehen ja nicht in wenigen Tagen. Zwischen einer schweren funktionellen Einschränkung und einer späteren Verbesserung können viele Monate liegen, das sollte in den sozialen Medien besser sichtbar gemacht werden.
Das ist mir deshalb in der Aufklärung sehr wichtig. Denn manche Patienten und Angehörige kommen wegen dieser Videos mit der Vorstellung in die Praxis, dass sie nach wenigen Behandlungen wieder vollständig leistungsfähig sein werden. So einfach funktioniert das nicht. Wir beurteilen die Entwicklung deshalb über längere Zeiträume und evaluieren die Ergebnisse beispielsweise erst nach drei Monaten erneut. So viel Zeit muss man dem Gehirn nämlich lassen, in der es seine Regulationsarbeit tut. Gerade bei chronischen neurologischen Erkrankungen müssen wir also Geduld haben und dürfen keine unrealistischen Erwartungen wecken.“

Ein Patientenfall aus dem Zentrum Seewald: Zurück ins Berufsleben nach schwerer Erschöpfung

KCS: „Auch Long- und Post-Covid-Erkrankungen, die in die hunderttausende gehen, sind bereits ein Thema der Neuromodulation. Sie haben mir von einem Unternehmer Anfang fünfzig berichtet, der nach mehreren COVID-19-Infektionen unter massiven gesundheitlichen Einschränkungen litt. Können Sie uns diesen Fall kurz schildern?“
Seewald: „Dieser Patient kam Anfang 2025 zu uns. Nach einer COVID-19-Infektion im Jahr 2020 hatte er zunehmende Erschöpfung und Konzentrationsprobleme entwickelt. Eine weitere Infektion im Jahr 2023 verschlechterte seinen Zustand nochmals erheblich. Er war zuvor ein ausgesprochen leistungsfähiger Unternehmer gewesen, konnte aber schließlich viele seiner beruflichen Aufgaben kaum noch bewältigen. Seine geistige Leistungsfähigkeit schätzte er selbst zeitweise auf etwa zehn Prozent seines früheren Niveaus. Dazu kamen körperliche Erschöpfung und erhebliche Einschränkungen im Alltag.
Wir haben zunächst seine bisherigen Befunde ausgewertet und verschiedene Maßnahmen zur Unterstützung seiner körperlichen Funktionen eingesetzt. Dabei ging es unter anderem um die Mikronährstoffversorgung, den Stoffwechsel und die Darmgesundheit. Im Verlauf konnten wir eine gewisse Stabilisierung erreichen, aber die entscheidende Verbesserung seiner Leistungsfähigkeit blieb zunächst aus. Dann haben wir verschiedene Elemente der Neuromodulation in das Behandlungskonzept aufgenommen und später, als wir sie in der Praxis anbieten konnten, auch mit der TPS-Therapie begonnen. Die war dann der „Gamechanger“.
Nach eigenen Angaben des Patienten bemerkte er bereits nach der zweiten TPS-Sitzung eine deutliche Veränderung. Besonders beeindruckend war dann, wie sich sein Alltag entwickelte. Er konnte wieder arbeiten, nahm an gesellschaftlichen Veranstaltungen teil und besuchte sogar einen Ball in Wien, auf dem er bis in die frühen Morgenstunden unterwegs war und tanzte. Nach der siebten Behandlung sagte er mir, er habe nun beschlossen, sein über lange Zeit geführtes Gesundheitstagebuch abzuschließen, weil er sich wieder weitgehend hergestellt fühle! Natürlich muss man berücksichtigen, dass wir diesen Patienten über einen längeren Zeitraum mit verschiedenen Maßnahmen behandelt haben. Wir können deshalb nicht eindeutig sagen, welcher Anteil der Verbesserung auf welche Behandlung zurückzuführen ist. Der Patient selbst empfand die TPS allerdings als einen entscheidenden Wendepunkt.“

Ursachenmedizin: Warum die Diagnose allein nicht genügt

KCS: „Das ist ein ermutigender Verlauf, denn gerade bei Long- oder Post-Covid gibt es noch keine spezifischen Therapien. Doch kommen wir zu Ihrem medizinischen Leitgedanken. Sie beschäftigen sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Ursachenmedizin und Regulation. Was bedeutet denn Regulationsfähigkeit?“
Seewald: „Meine Definition von Gesundheit ist ganz wesentlich mit der körpereigenen Regulationsfähigkeit verbunden, die uns sozusagen in die Wiege gelegt worden ist. Ein gesunder Organismus muss ja ständig auf Veränderungen reagieren können, auf körperliche Belastungen ebenso wie auf Umweltfaktoren, Stress oder Veränderungen im Stoffwechsel. Wenn diese Regulationsfähigkeit eingeschränkt ist, können zunächst Funktionsbeeinträchtigungen entstehen. Bleibt die Störung über längere Zeit bestehen, können daraus, oft erst Jahre oder Jahrzehnte später, Erkrankungen mit entsprechenden Symptomen entstehen, das gilt eben auch für Alzheimer und neurodegenerative Krankheiten.
Deshalb interessiert mich bei einem Patienten nicht nur, welche aktuelle Diagnose er mitbringt, sondern vor allem, wie gut seine Regulationssysteme funktionieren und wo wir therapeutisch ansetzen können. Natürlich brauchen wir Diagnosen, schon allein für die medizinische Einordnung. Aber für meine therapeutische Überlegung steht die Frage im Mittelpunkt: Wie können wir die Regulationsfähigkeit dieses Menschen verbessern?“

„Die Diagnose allein spielt nicht die entscheidende Rolle. Mein Ziel ist es, an der optimalen Regulationsfähigkeit des Patienten zu arbeiten.“
Dr. med. Seewald

KCS: „Damit sprechen Sie im Grunde von Homöostase, also der Fähigkeit unseres Körpers, sein inneres Gleichgewicht immer wieder neu herzustellen. Sie verwenden darüber hinaus einen interessanten Begriff: Hormesis. Was hat es damit auf sich?“
Seewald: „Hormesis beschreibt vereinfacht das Prinzip, dass ein kleiner, dosierter Reiz eine positive Anpassungsreaktion auslösen kann, während derselbe Reiz in zu hoher Intensität oder über einen zu langen Zeitraum schädlich sein kann. Ein gutes Beispiel ist körperliches Training. Ein angemessener Trainingsreiz kann unsere Leistungsfähigkeit verbessern. Überfordern wir den Körper aber dauerhaft, erreichen wir unter Umständen genau das Gegenteil. Das zeigt, wie wichtig die individuelle Belastbarkeit und Regulationsfähigkeit sind. Nicht allein der Reiz entscheidet über die Reaktion, sondern auch der Zustand des Organismus, auf den er trifft.
Diesen Gedanken kann man auf viele Bereiche der Medizin übertragen. Deshalb muss man dabei immer die Art und die Dosis der Belastung berücksichtigen. Und damit sind wir auch wieder bei der Neuromodulation, denn auch diese Verfahren setzen Reize.“
KCS: „In Ihrem Zentrum achten Sie auch auf Darmgesundheit, Mikronährstoffversorgung, Stoffwechsel und mögliche Umweltbelastungen. Warum sind diese Bereiche auch bei neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson so wichtig?“
Seewald: „Weil der Mensch nicht aus voneinander unabhängigen Einzelteilen besteht und weil Umweltbelastungen immer weiter zunehmen. All diese Toxine gelangen ja erst mal in den Darm. Und das Gehirn ist mit dem Darm, dem Immunsystem, das zu 80 Prozent im Darm sitzt, dem Stoffwechsel und vielen weiteren Systemen verbunden, und zwar viel mehr, als man noch vor etwa 10 Jahren dachte. Wir untersuchen bei einem großen Teil unserer Patienten deshalb auch die Darmgesundheit und das Mikrobiom und ich sage Ihnen: Heutzutage ist kein einziger Patient mehr unbelastet. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass all dieses Mikroplastik, Pestizidrückstände in unserer Nahrung oder die unterschiedlichsten Chemikalien und Schwermetalle allein die Ursache einer bestimmten neurologischen Erkrankung sind. Aber sie spielen eine große Rolle innerhalb verschiedenster ursächlicher Faktoren. Und wenn wir nur ein einzelnes Symptom nach Schema F behandeln würden, würden wir möglicherweise wichtige Zusammenhänge übersehen.“

Ressourcen statt Reparatur: Was Gesundheit wirklich braucht

KCS: „Sie haben gerade ein Buch veröffentlicht, das Ihre medizinische Philosophie bereits im Titel auf den Punkt bringt: ‚Ressourcen statt Reparatur‘. Was möchten Sie damit verändern?“
Seewald: „Ich möchte dazu anregen, Gesundheit aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In unserem Gesundheitssystem beschäftigen wir uns sehr intensiv mit bereits bestehenden Krankheiten, Diagnosen und deren Behandlung. Das Thema Prävention ist zwar in aller Munde, aber nur die wenigsten setzen diese auch wirklich um. Dabei ist Prävention wichtiger denn je, auch bei neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen. Wir sollten uns viel stärker damit beschäftigen, wie wir unsere Gesundheit langfristig bewahren können. Diese Frage beschäftigt mich schon seit meiner Studienzeit. Ich bin damals viel gereist, unter anderem durch Südamerika und Asien, und habe Menschen kennengelernt, die unter völlig anderen materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen und ohne Gesundheitssysteme unserer Art lebten und bei denen es dennoch viel weniger sogenannte Zivilisationserkrankungen gab. Diese Erfahrungen haben meine persönliche Entwicklung und später auch meinen Weg in der Medizin stark geprägt.
In meinem Buch erkläre ich, dass wir uns nicht nur als verletzliche, hilflose Träger von Krankheiten sehen sollten oder gar müssen. Jeder Mensch besitzt Fähigkeiten und eigene Ressourcen für die Gesunderhaltung, die von elementarer Bedeutung sind. Diese zu erkennen und zu fördern, sollte ein wesentlicher Bestandteil medizinischer Arbeit sein.“

„Wir sollten uns nicht nur darauf konzentrieren, wie wir Krankheiten behandeln, sondern vor allem zuerst, was ein Mensch braucht, um gesund zu bleiben.“
Dr. Seewald

KCS: „Bedeutet das auch, dass die Patienten mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen?“
Seewald: „Ja, wobei Eigenverantwortung explizit nicht bedeutet, dass ein Mensch selbst schuld ist, wenn er erkrankt. Das wäre eine völlig falsche Schlussfolgerung. Aber wir können die Menschen dabei unterstützen, ihren Körper besser zu verstehen und selbst Einfluss auf bestimmte gesundheitliche Faktoren zu nehmen. Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressbewältigung und viele andere Lebensbereiche spielen dabei eine Rolle. Ich möchte, dass Patienten nicht ausschließlich darauf warten, dass jemand ihre Beschwerden repariert. Sie sollen verstehen, welche Möglichkeiten sie selbst haben und wie wir sie medizinisch dabei begleiten können. Das ist Gesundheitskompetenz.“

Wo wird die Neuromodulation in zehn Jahren stehen, Herr Dr. Seewald?

KCS: „Kehren wir zur Neuromodulation zurück. Wir erleben gerade, dass sich immer mehr Ärzte und Wissenschaftler mit diesen Verfahren beschäftigen und sie nutzen. Wo sehen Sie die Neuromodulation in zehn Jahren?“
Seewald: „Ich bin überzeugt, dass Neuromodulation in der Behandlung neurologischer und neurodegenerativer Erkrankungen künftig eine deutlich größere Rolle spielen wird, zumal diese Krankheitszahlen massiv ansteigen. Und heute haben wir endlich verschiedene Möglichkeiten, das Nervensystem auch durch physikalische Impulse gezielt zu beeinflussen. Gleichzeitig verbessern sich die diagnostischen Verfahren und unser Verständnis neuronaler Netzwerke.
Für mich ist entscheidend, dass wir diese Möglichkeiten nicht isoliert betrachten, sondern sie in personalisierte Behandlungskonzepte integrieren. Dabei müssen wir natürlich weiter untersuchen, welche Verfahren für welche Patienten geeignet sind, wie die Behandlungsprotokolle optimiert werden können und welche Ergebnisse langfristig erreichbar sind.
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Neuromodulations-Therapien in zehn Jahren bei vielen neurologischen Erkrankungen ein selbstverständlicher therapeutischer Baustein sein werden und dass die Medizin zunehmend erkennt, dass Neuromodulations-Verfahren eben keine „Konkurrenz“ zu den etablierten Therapien darstellen, sondern sie erweitern und ergänzen.
Mein Wunsch ist, dass wir dann nicht mehr so sehr darüber diskutieren, ob wir medikamentöse, physikalische oder andere therapeutische Ansätze einsetzen sollten, sondern wie wir die verschiedenen Möglichkeiten zum größtmöglichen Nutzen des Patienten kombinieren können.“
KCS: „Herr Dr. Seewald, haben Sie vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.“

Über Dr. med. Sven Seewald und seine Praxen in Bregenz und Hard, Vorarlberg, Österreich

Dr. med. Sven Seewald - Interview - Alzheimer Deutschland
Dr. med. Sven Seewald

Dr. med. Sven Seewald ist Allgemeinmediziner und Gründer des Zentrums Seewald in Bregenz/Vorarlberg, Österreich. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Ursachen- und Regulationsmedizin. Sein ganzheitlich orientiertes Behandlungskonzept verbindet schulmedizinische Diagnostik und Therapie mit Osteopathie, Präventionsmedizin und modernen Verfahren der Neuromodulation. Im Mittelpunkt steht dabei stets der einzelne Mensch mit seinen individuellen gesundheitlichen Voraussetzungen und Ressourcen.

Das Zentrum Seewald verfügt über zwei Praxisstandorte:

1. Bregenz – Allgemeinmedizin und Regulationsmedizin
Sankt-Anna-Straße 1, 6900 Bregenz, Österreich
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2. Hard – Neuromodulation und Neurostimulation
Schäfferhofstraße 15, 6971 Hard, Österreich

Hier werden unter anderem die Transkranielle Pulsstimulation (TPS), die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) und die Vagusnervstimulation angeboten.

Kontakt und weitere Informationen:

Website: https://www.zentrumseewald.at/
E-Mail: info@zentrumseewald.at
Telefon: +43 5574 32022

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