Lithium und Alzheimer: Was ist dran an der These von Dr. Michael Nehls?

HomeAktuellesLithium und Alzheimer: Was ist dran an der These...

Lithium, Gehirngesundheit und Alzheimer: Ein Wissenschaftler stellt den medizinischen Status quo infrage

Lithium kennt man in der Medizin bislang vor allem als Therapeutikum aus der Psychiatrie – eingesetzt unter anderem bei bipolaren Störungen oder schweren Depressionen – und dies in hohen Dosierungen, die aufgrund der geringen therapeutischen Breite ärztlich überwacht werden müssen. Weitaus weniger bekannt ist, dass Lithium als natürliches Spurenelement in Gesteinen, Böden und Wasser vorkommt und dadurch über Trinkwasser und Lebensmittel natürlicherweise in unseren Organismus gelangt. Welche physiologische Bedeutung das Spurenelement besitzt, wird seit Jahren wissenschaftlich intensiv diskutiert.

Jemand, der diese Diskussion mit großer Vehemenz vorantreibt und für die präventive Versorgung der Bevölkerung mit Lithium plädiert, ist Privatdozent Dr. med. Michael Nehls. Der Arzt und habilitierte Molekulargenetiker forscht und publiziert seit Jahrzehnten zu den biologischen Grundlagen von Gesundheit und Krankheit. Er beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie Alzheimer entsteht und welche Rolle Lebensstil und Mikronährstoffversorgung dabei spielen.

Nehls vertritt seit vielen Jahren die Auffassung, dass Lithium für den Menschen ein essentielles Spurenelement sei und als solches dringend offiziell anerkannt werden müsse. Einen weit verbreiteten Lithiummangel sieht er als einen bislang unterschätzten Faktor unter anderem bei der Entstehung von Alzheimer-Demenz, aber auch bei Depressionen und weiteren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen. Seine Thesen hat er mittlerweile in zahlreichen Büchern, die allesamt Bestseller geworden sind, publiziert und im Juni 2025 einen Vortrag im Europäischen Parlament in Straßburg gehalten.

Dennoch stößt Nehls, dessen Ziel es ist, Lithium in geringen Dosen als Nahrungsergänzungsmittel verfügbar zu machen, nicht überall auf Zustimmung. Denn offiziell gilt Lithium bisher nicht als essentieller Nährstoff, ein allgemein anerkannter täglicher Bedarf existiert ergo nicht und insbesondere die präventive Einnahme von niedrig dosiertem Lithium wird innerhalb der Fachwelt nach wie vor kontrovers diskutiert.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt das Thema allerdings im August 2025 durch eine viel beachtete Studie der Harvard Medical School, die im renommierten Fachjournal «Nature» publiziert wurde. Die Forschungsgruppe um Prof. Bruce Yankner kam zu dem Schluss, dass Lithium im Gehirn eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung kognitiver Funktionen spiele. Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MC) war Lithium als einziges der 27 untersuchten Metalle bereits im präfrontalen Kortex signifikant vermindert. In Alzheimer-Gehirnen wurde zudem beobachtet, dass Amyloid-Ablagerungen Lithium binden und dessen Bioverfügbarkeit weiter reduzieren können.

Auch im Tiermodell hatte ein experimentell erzeugter Lithiummangel weitreichende Folgen: Die Amyloid- und Tau-Pathologie nahmen zu, Neuroinflammation und Nervenzellschäden wurden verstärkt und die kognitive Leistungsfähigkeit verschlechterte sich. In separaten Experimenten verhinderte beziehungsweise reversierte sehr niedrig dosiertes Lithiumorotat zahlreiche Alzheimer-typische Veränderungen und Gedächtnisdefizite in den untersuchten Alzheimer-Mausmodellen und bei alternden Wildtyp-Mäusen.

Ob man Nehls’ Interpretation in allen Punkten folgt oder nicht: Seine umfangreichen Arbeiten und die neue Forschung haben dafür gesorgt, dass eine lange wenig beachtete Frage plötzlich weit oben auf der wissenschaftlichen Agenda steht: Welche Bedeutung hat die natürliche Lithiumversorgung tatsächlich für die langfristige Gesundheit unseres Gehirns?

Gerade weil uns bei ALZHEIMER DEUTSCHLAND immer wieder die Frage erreicht, ob Lithium beziehungsweise Lithiumorotat eingenommen werden sollte, wollten wir es genauer wissen und haben mit Dr. Michael Nehls gesprochen. Die Kernthemen lesen Sie nachfolgend zusammengefasst; wer das gesamte Interview sehen möchte, kann dies auf dem YOUTUBE-Kanal von Dr. Michael Nehls tun.

→ Zum vollständigen Video-Interview: https://www.youtube.com/watch?v=MYKWHXwxf80

Alzheimer Deutschland (AD): „Herr Dr. Nehls, bevor wir tiefer einsteigen: Was ist Lithium überhaupt? Viele Menschen kennen den Begriff vermutlich nur im Zusammenhang mit Batterien oder als Wirkstoff aus der Psychiatrie.“
Dr. Michael Nehls (MN): „Lithium ist zunächst einmal ein natürlich vorkommendes chemisches Element und das leichteste Metall in unserem Periodensystem. Es ist bereits kurz nach dem Urknall entstanden und kommt natürlicherweise in Gesteinen, Böden und Wasser vor. Von dort gelangt es über Pflanzen, Trinkwasser und unsere Nahrung in den menschlichen Organismus beziehungsweise sollte es tun.
Und bereits hier beginnt ein großes Missverständnis: Wenn von Lithium die Rede ist, denken viele Menschen sofort an ein Psychopharmakon. Lithium ist aber ein ganz natürliches Element und entfaltet im Organismus verschiedene biologische Wirkungen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Lithium grundsätzlich in unseren Körper gehört, sondern wie viel davon wir Menschen für eine optimale Funktion benötigen. Ich bin aufgrund der wissenschaftlichen Daten davon überzeugt, dass Lithium für den Menschen essentiell ist – auch wenn es bislang offiziell nicht als essentielles Spurenelement anerkannt wurde.“
AD: „Sie sind Arzt und Molekulargenetiker und haben zunächst viele Jahre wissenschaftlich gearbeitet, waren CEO eines Konzerns, haben mit Nobelpreisträgern Studien publiziert. Sie haben also eine sehr erfolgreiche, klassische Karriere hinter sich. Wie wurde ausgerechnet Lithium zu einem Ihrer großen Themen?“
MN: „Eigentlich begann meine Beschäftigung mit Alzheimer schon lange vor Lithium. Ich wollte verstehen, warum das Gehirn altert, warum Menschen ihre kognitiven Fähigkeiten verlieren und welche biologischen Mechanismen dahinterstehen. Dabei habe ich zunehmend festgestellt, dass man Alzheimer meiner Ansicht nach nicht verstehen kann, wenn man nur auf einen einzelnen pathologischen Mechanismus schaut.
2016 habe ich meine «Unified Theory of Alzheimer’s» veröffentlicht und darin verschiedene Risikofaktoren in einem systemischen Modell zusammengeführt. Darin zeige ich: Unser Gehirn benötigt bestimmte Voraussetzungen und Nährstoffe, damit es dauerhaft gesund funktionieren kann. Bewegung gehört dazu, soziale Interaktion, Schlaf, eine ausreichende Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D und anderen Mikronährstoffen – und eben auch Lithium.
Je intensiver ich mich mit der Literatur beschäftigte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass Lithium nicht nur irgendein pharmakologisch wirksamer Stoff ist, sondern in bestimmten physiologischen Mengen eine grundlegende biologische Funktion besitzt.“

„Lithium ist kein Allheilmittel. Chronische Erkrankungen sind multikausal, und jeder Mensch kann eine individuelle Kombination aus Mängeln und Belastungen aufweisen – Lithium ist dabei ein bislang unterschätzter Faktor.“
PD Dr. Michael Nehls

AD: „Warum ist gerade Lithium aus Ihrer Sicht für das Gehirn so wichtig?“
MN: „Lithium greift in eine ganze Reihe biologischer Prozesse ein, die für die Hirngesundheit von Bedeutung sind. Besonders wichtig ist hier der Hippocampus. Dieser Bereich des Gehirns spielt eine zentrale Rolle für unser autobiographisches Gedächtnis, für Lernen, Orientierung und die Verarbeitung neuer Erfahrungen – und er ist eine der Hirnregionen, die bei Alzheimer früh betroffen sind.
Lithium beeinflusst unter anderem Signalwege, die für Neuroplastizität, Entzündungsregulation und Zellschutz relevant sind. Einer davon betrifft GSK-3β, eine Kinase, die auch mit Tau-Phosphorylierung und Alzheimer-typischen Veränderungen in Verbindung steht.
Entscheidend ist aber: Wenn ich von einer Lithium-Substitution spreche, meine ich damit natürlich nicht jene hohen Lithiumdosen, die man aus der psychiatrischen Therapie kennt. Ich spreche von winzigen physiologischen Mengen. Genau diese beiden Dinge werden aber in der öffentlichen Diskussion ständig miteinander vermischt.“
AD: „Sie vertreten die Auffassung, dass die Menschen in Deutschland und anderen Teilen Europas heutzutage zu wenig Lithium aufnehmen. Warum?“
MN: „Lithium gelangt über Böden, Wasser und damit letztlich über unsere Nahrung in den Körper. Die natürliche Lithiumzufuhr unterscheidet sich allerdings regional erheblich, da die Lithiumgehalte von Böden, Wasser und Lebensmitteln stark von den jeweiligen geologischen Bedingungen abhängen. In lithiumarmen Regionen Europas kann die tägliche Aufnahme der Menschen entsprechend sehr niedrig sein. Ein chronischer Lithiummangel kann neuroinflammatorische Prozesse begünstigen und damit langfristig das Risiko für Alzheimer, Depressionen und weitere neuropsychiatrische Erkrankungen erhöhen.
Ganz anders sieht es übrigens in geologisch jungen vulkanischen Regionen aus. Auf den Kanarischen Inseln ist die natürliche Lithiumaufnahme der Menschen deutlich höher als in Deutschland. Dort wurde in einer publizierten Total-Diet-Studie eine durchschnittliche Aufnahme von 3,674 Milligramm elementarem Lithium pro Tag ermittelt. Das zeigt besonders anschaulich, welche Spannweite natürlicher Ernährungsexposition tatsächlich vorkommt.
Der Spurenelementforscher Gerhard Schrauzer hat schon vor mehr als zwei Jahrzehnten vorgeschlagen, für einen Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von etwa einem Milligramm Lithium anzustreben. Auch ich halte diese Größenordnung nach Auswertung der verfügbaren Daten für plausibel.
Das ist einer der Gründe, weshalb ich seit Jahren dafür kämpfe, Lithium offiziell als essentielles Spurenelement anzuerkennen. In der Europäischen Union ist diese Einstufung allerdings bis heute nicht erfolgt.“
AD: „Wir haben hier eine wissenschaftliche Kontroverse. Dass Lithium natürlicherweise im menschlichen Organismus gebraucht wird und biologische Wirkungen entfaltet, ist unstrittig. Dass Lithium natürlicherweise im menschlichen Organismus gebraucht wird und physiologische Funktionen erfüllt, ist ja inzwischen gut belegt. Dennoch ist Lithium bislang regulatorisch nicht als essentielles Spurenelement anerkannt und es existiert keine offiziell festgelegte Zufuhrempfehlung. Dann kam aber im Jahr 2025 eine große, vielbeachtete Studie aus Harvard. Ist damit aus Ihrer Sicht die entscheidende Bestätigung geliefert worden?“
MN: „Ich habe die Studie natürlich begrüßt. Für mich bestätigt sie vieles von dem, worauf ich bereits seit Jahren hinweise. Besonders interessant ist, dass bei den untersuchten menschlichen Gehirnen Lithium als einziger der analysierten Stoffe bereits bei leichter kognitiver Beeinträchtigung vermindert war. Hinzu kommt ein Mechanismus, den diese Arbeit sehr klar gezeigt hat: Amyloid-Plaques können Lithium binden. Dadurch wird gerade dort Lithium aus dem verfügbaren Gewebe entfernt, wo es benötigt wird.
Noch interessanter finde ich allerdings das Tierexperiment. Den Mäusen wurde nicht irgendeine pharmakologische Hochdosis verabreicht. Zunächst wurde vielmehr ihre normale Lithiumversorgung reduziert. Schon eine etwa 50-prozentige Verminderung im Gehirn löste zahlreiche Veränderungen aus, die wir mit Alzheimer und beschleunigter Hirnalterung in Verbindung bringen. Separat behandelten die Forscher Alzheimer-Mausmodelle und alternde Wildtyp-Mäuse mit sehr niedrig dosiertem Lithiumorotat. Dabei wurden Alzheimer-typische Pathologien und Gedächtnisdefizite verhindert beziehungsweise teilweise rückgängig gemacht. Die Serum- und Gehirnkonzentrationen blieben dabei im Bereich endogener Lithiumkonzentrationen.
Aber, und das ist auch wichtig, ein solches Mausmodell lässt sich nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Im Experiment wurde gezielt nur ein einzelner Faktor verändert. Menschen haben dagegen unterschiedliche und häufig mehrere Defizite und Belastungen gleichzeitig. Nichtsdestotrotz, Lithium stellt einen relevanten Faktor dar. Die Harvard-Forscher selbst formulieren es so: Sie postulieren, dass eine Störung der Lithiumhomöostase ein frühes Ereignis bei der Entstehung von Alzheimer sein könnte und dass eine Lithiumsubstitution einen möglichen neuen Präventions- und Therapieansatz darstellt.“

„Ein Mausmodell ist ein sehr spezifisches Experiment und nicht hundertprozentig auf den Menschen übertragbar. Lithium ist wichtig für die Hirngesundheit – aber auch Lithium ist kein Allheilmittel.“
PD Dr. Michael Nehls

AD: „Warum beurteilen Sie die Forderung nach weiteren klinischen Studien trotzdem kritisch? Eigentlich wäre es doch wissenschaftlich richtig, diese abzuwarten?“
MN: „Natürlich bin ich für Studien. Ich bin Wissenschaftler. Was mich stört, ist etwas anderes: Wir haben inzwischen eine außergewöhnlich breite Evidenz über unterschiedliche Ebenen hinweg – von den molekularen Mechanismen und Tierexperimenten über Epidemiologie bis hin zu klinischen Humanbefunden wie bei kaum einem anderen Wirkstoff. Und trotzdem wird die Diskussion über die Essentialität meiner Meinung immer wieder mit der Forderung verknüpft, zunächst müsse bewiesen werden, dass Lithium Alzheimer behandelt oder verhindert.
Das halte ich für die falsche Fragestellung und eine unnötige Verzögerung. Ein essentieller Stoff muss schließlich kein Allheilmittel gegen eine Erkrankung sein. Vitamin D etwa muss ja auch nicht allein sämtliche Erkrankungen verhindern, um als essentiell eingestuft zu werden. Hier wird mit zweierlei Maß gearbeitet.
Die Alzheimer-Krankheit ist, nochmals, multifaktoriell. Wenn jemand zu wenig Omega-3 hat, Vitamin-D-Mangel, Bewegungsmangel, chronischen Stress und möglicherweise noch Schadstoffbelastungen hat, wird auch Lithium allein diese Probleme nicht lösen. Wenn aber ein Lithiummangel tatsächlich einen weiteren kausalen Risikofaktor darstellt, wie die experimentellen und epidemiologischen Daten zunehmend erkennen lassen, dann sollte man meiner Ansicht nach vielmehr konstruktiv darüber diskutieren, wie man diesen Mangel schnellstmöglich verhindert. Schauen wir uns doch die enorme und angesichts der alternden Bevölkerung weiter zunehmende Krankheitslast an – wir haben nicht alle Zeit der Welt.“
AD: „Ein weiteres hartnäckiges Problem scheint die Verwechslung mit der psychiatrischen Lithiumtherapie zu sein?“
MN: „Genau. Hier wird viel zu einseitig berichtet. Wenn die Menschen «Lithium» hören, denken die meisten sofort an die Behandlung bipolarer Störungen oder schwerer Depressionen. Dort werden Lithiumsalze in pharmakologisch hohen Dosen eingesetzt und der Lithiumspiegel des Patienten muss ständig kontrolliert werden. Natürlich kann Lithium in solchen Dosierungen Nebenwirkungen haben. Das hat aber mit der Frage, welche physiologische Lithiumzufuhr der gesunde menschliche Körper generell benötigt, nichts zu tun.
Ich halte ungefähr ein Milligramm elementares Lithium pro Tag für eine sinnvolle physiologische Größenordnung. Das liegt weit unter den Mengen, die therapeutisch in der Psychiatrie eingesetzt werden. Und trotzdem wird häufig mit den Nebenwirkungen der Hochdosistherapie argumentiert, auch wenn über Mikrodosierungen gesprochen wird. Diese beiden Bereiche müssen wir endlich sauber voneinander unterscheiden.“

„Wenn wir umfassende Prävention betreiben wollen, müssen wir auch auf Lithium schauen. Entscheidend ist dann zudem, was dem einzelnen Menschen noch fehlt.“
PD Dr. Michael Nehls

AD: „Eine wichtige Frage ist daher: Was würden Sie Menschen sagen, die nach der Harvard-Studie nun denken: Dann nehme ich doch einfach Lithium und habe mein Alzheimer-Risiko im Griff?“
MN: „So einfach ist es nicht. Noch einmal: Lithium ist kein Allheilmittel und auch kein universelles Präventionsmittel, das man einfach mal so nimmt. Alzheimer entsteht meiner Überzeugung nach dann, wenn über längere Zeit verschiedene Bedingungen zusammenkommen, die der Gesundheit des Gehirns entgegenstehen. Deshalb muss Prävention systemisch angegangen werden.
Man sollte sich bewegen, ausreichend schlafen, soziale Kontakte pflegen, Stress reduzieren, auf seine Ernährung achten und mögliche Mikronährstoffdefizite betrachten. Dazu gehören beispielsweise Omega-3-Fettsäuren oder Vitamin D und eben auch Lithium. Hier sollte man zu einem Facharzt gehen, der sich damit auskennt, und sich beraten lassen. Wer seine Lithiumversorgung medizinisch beurteilen lassen möchte, sollt dies mit einem entsprechend erfahrenen Arzt besprechen. Niedrig dosierte Lithiumgaben können ärztlich verordnet werden, auch wenn eine regulär zugelassene Lithium-Supplementierung wie bei Vitamin D oder anderen Mikronährstoffen in der Europäischen Union bislang jedoch nicht zur Verfügung steht.“

Wer das gesamte Interview sehen möchte, gelangt hier zum YOUTUBE-Kanal von Dr. Michael Nehls: https://www.youtube.com/watch?v=MYKWHXwxf80

Über Dr. Michael Nehls

Dr. med. Michael Nehls - Interview - Lithium-Komplott - Alzheimer-Deutschland
Dr. med. Michael Nehls – Foto: Dirk Wächter

Privatdozent Dr. med. Michael Nehls ist Arzt und habilitierter Molekulargenetiker mit Schwerpunkt Immunologie. Nach dem Studium der Humanmedizin und seiner Promotion arbeitete er als Grundlagenforscher an deutschen und internationalen Forschungseinrichtungen, unter anderem in den USA. In seiner wissenschaftlichen Laufbahn veröffentlichte er mehr als 50 Originalarbeiten, darunter auch Publikationen in Zusammenarbeit mit Nobelpreisträgern.

Später war er leitender Genomforscher eines US-amerikanischen Unternehmens sowie Forschungsleiter und Vorstandsvorsitzender eines Münchner Biotechnologie-Unternehmens.Seit vielen Jahren beschäftigt sich Nehls insbesondere mit den biologischen Ursachen und der Prävention von Zivilisationserkrankungen, insbesondere der Alzheimer-Krankheit. Für seine Arbeiten auf diesem Gebiet erhielt er 2015 den Hanse-Preis für Molekulare Psychiatrie der Universitätsmedizin Rostock. Als Wissenschaftsautor veröffentlichte er zahlreiche Sachbücher, darunter „Die Alzheimer-Lüge“, „Die Formel gegen Alzheimer“, „Das erschöpfte Gehirn“ und zuletzt „Das Lithium-Komplott – Plädoyer für ein essenzielles Spurenelement“.

Weitere Informationen zur Arbeit von Dr. Michael Nehls:

https://michael-nehls.de/

Buchtipp: „Das Lithium-Komplott“ von Dr. Michael Nehls
Das Lithium-Komplott von Dr. med. Michael NehlsIst Lithium ein für den Menschen essenzielles Spurenelement – und könnte ein weit verbreiteter Mangel weitreichende Folgen für unsere körperliche und psychische Gesundheit haben? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. Michael Nehls in seinem 2025 erschienenen Buch „Das Lithium-Komplott – Plädoyer für ein essenzielles Spurenelement.“

Auf Basis umfangreicher wissenschaftlicher Literatur zeichnet der Arzt und Molekulargenetiker nach, welche biologischen Funktionen Lithium im menschlichen Organismus erfüllt und welche Zusammenhänge zwischen einer geringen Lithiumversorgung und der Alzheimer-Krankheit, Depressionen, Angststörungen, Suizidalität sowie weiteren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen diskutiert werden. Dabei geht es ausdrücklich nicht um die aus der Psychiatrie bekannte hoch dosierte Lithiumtherapie, sondern um Lithium in sehr niedrigen physiologischen Mengen.Doch Nehls wäre nicht Nehls, würde er es bei der medizinischen Betrachtung belassen. Er stellt die Frage, warum Lithium trotz der von ihm zusammengetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse bis heute nicht als essentielles Spurenelement anerkannt ist und lithiumhaltige Nahrungsergänzungsmittel in Europa nicht regulär verfügbar sind. Seine Antwort ist provokant:

Nehls vermutet hinter dem Status quo nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern diskutiert auch gesellschaftliche und politische Motive – bis hin zu der Frage, wem eine zunehmend psychisch belastete und von Zukunftsängsten geprägte Gesellschaft nutzen könnte.Dies macht „Das Lithium-Komplott“ zu einem ungewöhnlichen Buch: Es ist wissenschaftliche Bestandsaufnahme, medizinisches Plädoyer und gesellschaftspolitische Streitschrift zugleich. Nehls will nicht nur informieren, sondern eine Debatte auslösen – über die Frage, ob wir die Bedeutung eines unscheinbaren Spurenelements für unsere Gehirngesundheit möglicherweise jahrzehntelang unterschätzt haben.

Fazit: „Das Lithium-Komplott“ ist ein umfangreiches Werk, dessen medizinisch-wissenschaftliche Argumentation zum Nachdenken anregt und dessen gesellschaftspolitische Schlussfolgerungen zur Diskussion herausfordern. Wer verstehen möchte, warum derzeit so intensiv über Lithium und Gehirngesundheit diskutiert wird, findet hier reichlich Stoff dafür.

Mental Enterprises, 2025. ISBN 978-3-9814048-9-0.

Link zum Buch:

https://michael-nehls.de/das-lithium-komplott

Quellen und Literaturen:

Nehls (2016): „Unified theory of Alzheimer’s disease (UTAD): implications for prevention and curative therapy“In dieser Übersichtsarbeit entwickelt Michael Nehls seine „Unified Theory of Alzheimer’s Disease“, in der er Alzheimer nicht als Folge eines einzelnen pathologischen Prozesses, sondern als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Lebensstil-, Umwelt-, genetischen und metabolischen Faktoren beschreibt. Im Mittelpunkt stehen dabei die adulte hippocampale Neurogenese und die Fähigkeit des Gehirns zur lebenslangen neuronalen Erneuerung. Nehls argumentiert, dass Bewegungsmangel, chronischer Stress, Schlafmangel, unzureichende Nährstoffversorgung, soziale Isolation und Umweltbelastungen diese Prozesse beeinträchtigen und dadurch Alzheimer-typische Veränderungen begünstigen können.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27429752


Aron et al. (2025): „Lithium deficiency and the onset of Alzheimer’s disease“

Die viel beachtete Harvard-Arbeit untersuchte die natürliche Lithiumhomöostase im menschlichen Gehirn und in verschiedenen Mausmodellen. Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung und Alzheimer war Lithium im präfrontalen Cortex vermindert; zusätzlich konnten Amyloid-Ablagerungen Lithium binden und dadurch seine Bioverfügbarkeit weiter reduzieren. Im Tiermodell führte eine etwa 50-prozentige Verringerung des kortikalen Lithiums zu mehr Amyloid-β, phosphoryliertem Tau, Neuroinflammation, Verlust neuronaler Strukturen und beschleunigtem kognitivem Abbau. Lithiumorotat konnte zahlreiche dieser Veränderungen in den untersuchten Mäusen verhindern beziehungsweise teilweise rückgängig machen. Die Studie liefert damit starke mechanistische Hinweise auf eine physiologische Rolle von Lithium bei der Hirnalterung.

Link: https://www.nature.com/articles/s41586-025-09335-x


Nunes, Viel & Buck (2013): „Microdose lithium treatment stabilized cognitive impairment in patients with Alzheimer’s disease“

Diese randomisierte Studie untersuchte über 15 Monate eine außergewöhnlich niedrige tägliche Dosis von 300 Mikrogramm elementarem Lithium pro Tag bei Patienten mit Alzheimer. Während sich die Werte im Mini-Mental-Status-Test in der Kontrollgruppe im Verlauf verschlechterten, blieben sie in der Lithiumgruppe weitgehend stabil; statistisch signifikante Unterschiede zeigten sich bereits nach drei Monaten und nahmen anschließend zu. Die Autoren werteten dies als Hinweis darauf, dass selbst sehr geringe Lithiumdosen den kognitiven Abbau möglicherweise beeinflussen könnten.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22746245


Forlenza et al. (2011): „Disease-modifying properties of long-term lithium treatment for amnestic mild cognitive impairment: randomized controlled trial“

In dieser doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie wurden 45 Menschen mit amnestischer leichter kognitiver Beeinträchtigung über zwölf Monate mit Lithium beziehungsweise Placebo behandelt. Die Lithiumdosis wurde auf relativ niedrige Serumkonzentrationen von 0,25 bis 0,5 mmol/l eingestellt. Unter Lithium sank die Konzentration von phosphoryliertem Tau im Liquor signifikant, zudem schnitten die Teilnehmer in einzelnen kognitiven Tests – insbesondere bei Aufmerksamkeit und im Alzheimer’s Disease Assessment Scale – besser ab. Die Behandlung wurde insgesamt gut vertragen. Die Autoren sahen darin Hinweise auf mögliche krankheitsmodifizierende Eigenschaften von Lithium in einer frühen Phase des Alzheimer-Kontinuums.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21525519


Forlenza et al. (2019): „Clinical and biological effects of long-term lithium treatment in older adults with amnestic mild cognitive impairment: randomized clinical trial“

Diese längerfristige randomisierte Studie untersuchte 61 ältere Menschen mit amnestischer MCI; 31 erhielten Lithium, 30 Placebo. Während sich die kognitiven und funktionellen Leistungen der Placebogruppe im Verlauf von zwei Jahren verschlechterten, blieben die mit Lithium behandelten Teilnehmer im Durchschnitt stabil. Nach 24 Monaten zeigten sich Vorteile in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests; nach 36 Monaten wurde zudem eine Veränderung des Alzheimer-relevanten Liquor-Biomarkers Aβ1-42 beobachtet. Die Autoren werteten die Ergebnisse als weiteren Hinweis auf mögliche krankheitsmodifizierende Effekte einer langfristigen Lithiumbehandlung im MCI-Alzheimer-Kontinuum.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30947755


Gildengers et al. (2026): „Low-Dose Lithium for Mild Cognitive Impairment: A Pilot Randomized Clinical Trial“

Diese ganz aktuelle, doppelblinde Pilotstudie aus der University of Pittsburgh ist für die Einordnung besonders wichtig, weil sie die Lithium-Hypothese nicht einfach bestätigt. 80 ältere Menschen mit MCI erhielten über zwei Jahre niedrig dosiertes Lithiumcarbonat oder Placebo. Bei der verbalen Gedächtnisleistung nahm die Leistung unter Lithium langsamer ab als unter Placebo. Zwar erreichte keiner der sechs vorab definierten primären Endpunkte nach der erforderlichen Korrektur die festgelegte statistische Signifikanz.  Allerdings zeigte das verbale Gedächtnis (CVLT-II) mit p = 0,05 ein nominal signifikantes positives Signal zugunsten von Lithium. Zudem war es ausdrücklich eine Pilotstudie, nur 21 von 80 Teilnehmern waren amyloidpositiv, und gerade dort zeigten explorative Analysen größere Effektstärken.

Link: https://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/fullarticle/2845746


Kessing et al. (2017): „Association of lithium in drinking water with the incidence of dementia“

Diese große dänische populationsbasierte Studie verglich die langfristige Lithiumexposition über das Trinkwasser mit der Demenzinzidenz bei mehr als 73.000 Menschen mit Demenz und über 733.000 Kontrollpersonen. Bei den höchsten untersuchten Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser war die Demenzrate niedriger als in der Referenzgruppe; auch für Alzheimer zeigte sich in diesem Bereich ein ähnliches Signal. Allerdings war der Zusammenhang nicht linear: Bei mittleren Lithiumkonzentrationen wurde teilweise sogar eine höhere Demenzrate beobachtet. Die Studie liefert somit einen epidemiologischen Hinweis darauf, dass natürliche Lithiumexposition mit Demenzrisiken zusammenhängen könnte.

Link: https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2649277


Fajardo et al. (2018): „Examining the relationship between trace lithium in drinking water and the rising rates of age-adjusted Alzheimer’s disease mortality in Texas“

Die Forscher analysierten Lithiumkonzentrationen aus 6.180 Trinkwasserproben in 234 texanischen Counties und verglichen diese mit Veränderungen der altersadjustierten Alzheimer-Sterblichkeit. Insgesamt stieg die Alzheimer-Mortalität im untersuchten Zeitraum um rund 27 Prozent; Regionen mit höheren natürlichen Lithiumspuren im Trinkwasser zeigten jedoch tendenziell geringere Zunahmen. Der Zusammenhang war statistisch signifikant, wurde aber schwächer beziehungsweise verlor seine Signifikanz, wenn einzelne bekannte Risikofaktoren wie körperliche Inaktivität, Adipositas oder Typ-2-Diabetes berücksichtigt wurden.

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29103043


Noble et al. (2005): „Inhibition of glycogen synthase kinase-3 by lithium correlates with reduced tauopathy and degeneration in vivo“

Diese präklinische Studie beschäftigte sich mit einem zentralen Alzheimer-Mechanismus: der übermäßigen Phosphorylierung und Aggregation des Tau-Proteins. Transgene Mäuse mit menschlichem mutiertem Tau wurden mit Lithiumchlorid behandelt, das die Aktivität der Glykogensynthase-Kinase-3 – kurz GSK-3 – hemmt. Unter Lithium fanden die Forscher signifikant weniger phosphoryliertes Tau und geringere Mengen unlöslicher Tau-Aggregate. Zudem zeigten früh behandelte Tiere weniger axonale Degeneration. Die Arbeit liefert damit einen wichtigen mechanistischen Hinweis darauf, wie Lithium über die GSK-3-Hemmung Alzheimer- beziehungsweise Tau-typische Prozesse beeinflussen könnte.

Link: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1088065


Fiorentini et al. (2010): „Lithium improves hippocampal neurogenesis, neuropathology and cognitive functions in APP mutant mice“

In dieser tierexperimentellen Arbeit wurden transgene Mäuse untersucht, die aufgrund mutierter Formen des Amyloid-Vorläuferproteins Alzheimer-ähnliche Veränderungen entwickeln. Eine fünfwöchige Lithiumbehandlung verbesserte bei den Tieren die adulte Neurogenese im Hippocampus und war mit günstigeren neuropathologischen und kognitiven Ergebnissen verbunden. Die Verbesserung von hippocampaler Neurogenese und Kognition trat vor allem bei jungen Tieren mit früher Pathologie auf und ging bei älteren Tieren mit fortgeschrittener Aß-Pathologie weitgehend verloren – ein interessanter Hinweis auf die Bedeutung früher Intervention. Die Studie ist besonders interessant, weil sie Lithium nicht nur mit Amyloid-Mechanismen, sondern auch mit der Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus verbindet – einem Bereich, der für Lernen und Gedächtnis zentral ist. Sie liefert damit eine weitere mögliche biologische Erklärung für neuroprotektive Lithiumwirkungen.

Link: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3004858

GUT ZU WISSEN
Neueste Artikel
Menü
Alzheimer Deutschland
Ihr Informationsportal rund um Transkranielle Pulsstimulation (TPS), Alzheimer und Demenz-Prävention