Neue Studie: Transkranielle Pulsstimulation (TPS) zeigt vielversprechende Ergebnisse bei Depressionen

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Depressionen betreffen Millionen Menschen. Eine neue klinische Untersuchung zeigt, wie die TPS-Therapie künftig als ergänzende Behandlung helfen könnte.

Depression ist eine Erkrankung die das Leben der Betroffenen und damit auch den ihnen Nahestehenden massiv verändern kann. Meist entwickeln sie sich schleichend, zunächst beinahe unbemerkt, bis irgendwann selbst die einfachsten Dinge des Alltags zu einer kaum überwindbaren Anstrengung werden. Eine Depression gehört zu jenen Erkrankungen, deren Ausmaß Außenstehende häufig nur schwer nachvollziehen können. Was mit anhaltender Erschöpfung, Schlafstörungen oder dem Verlust der Freude an vertrauten Dingen beginnt, kann sich zu einer schweren psychischen Erkrankung entwickeln, die das Denken, Fühlen und Handeln gleichermaßen beeinträchtigt.

Wie viele Menschen davon betroffen sind, zeigen aktuelle Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Demnach wiesen im Jahr 2024 rund 21,9 Prozent der Erwachsenen in Deutschland depressive Symptome auf. Bei 7,1 Prozent waren diese stärker ausgeprägt. Besonders auffällig: Unter jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren berichteten sogar 41,7 Prozent über entsprechende Beschwerden. Zwar ist eine depressive Symptomatik nicht automatisch mit einer ärztlich diagnostizierten Depression gleichzusetzen, doch die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des Problems.

Auch in Österreich ist die psychische Gesundheitsversorgung seit Jahren mit einer hohen Nachfrage konfrontiert. Zwar werden psychotherapeutische und klinisch-psychologische Angebote schrittweise ausgebaut, dennoch bleibt der Zugang zu zeitnaher Behandlung für viele Menschen schwierig; zu sehr kollidiert die Vielzahl der Patienten mit den derzeit verfügbaren Therapieplätzen.

Depressionen behandeln: Warum neue Therapieoptionen gebraucht werden

Psychotherapie und Medikamente bilden bisher die wichtigsten Säulen der Behandlung. Viele Patienten profitieren erheblich davon, andere sprechen jedoch nicht ausreichend darauf an. Hinzu kommen unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten und sogenannte ‚therapieresistente Depressionen‘, bei denen bisherige Behandlungsversuche keine ausreichende Besserung bewirkt haben. Darunter versteht man in der Regel depressive Erkrankungen, bei denen mindestens zwei ausreichend lange und angemessen dosierte Behandlungen mit Antidepressiva keine zufriedenstellende Besserung bewirkt haben.

Für diese Patienten werden seit einigen Jahren verstärkt zusätzliche Behandlungsverfahren erforscht. Eine immer wichtiger werdende Rolle spielt dabei die Neuromodulation, also die gezielte Beeinflussung der Gehirnaktivität durch physikalische Reize.

Transkranielle Pulsstimulation (TPS): Von der Alzheimer-Forschung zur Depression

Zu diesen Verfahren gehört die Transkranielle Pulsstimulation, kurz TPS. Sie wurde insbesondere im Zusammenhang mit der Alzheimer-Demenz entwickelt und wird inzwischen auch bei weiteren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wie Parkinson, Autismus, ADHS und eben auch Depressionen untersucht. Ein praktischer Vorteil der TPS: Sie kann ambulant in vergleichsweise wenigen Sitzungen durchgeführt werden und erfordert in der Regel keine Einschränkung der gewohnten Alltagsaktivitäten.

Die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) arbeitet mit ultrakurzen, niedrigenergetischen Stoßwellen, die von außen durch die Schädeldecke in bestimmte Hirnregionen eingebracht werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Behandlung mit elektrischen Strömen oder Magnetfeldern. Die Stoßwellen erzeugen vielmehr mechanische Reize, auf die Zellen mit biologischen Reaktionen antworten können.

Dieser Vorgang wird als „Mechanotransduktion“ bezeichnet. Vereinfacht ausgedrückt: Ein physikalischer Impuls wird von den Zellen in biochemische Signale übersetzt. Experimentelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass dadurch unter anderem Prozesse beeinflusst werden können, die für die Aktivität und Anpassungsfähigkeit von Nervenzellen wichtig sind – siehe hierzu auch: Mechanotransduktion und ihre Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen

Diese sogenannte Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit unseres Gehirns, Verbindungen zwischen Nervenzellen zu verändern und sich an neue Anforderungen anzupassen. Sie spielt nicht nur beim Lernen und Erinnern, sondern auch bei der Verarbeitung von Emotionen eine wichtige Rolle – siehe hierzu auch: Was ist Neuroplastizität?

Bereits in früheren TPS-Untersuchungen bei Alzheimer-Patienten waren neben Veränderungen kognitiver Leistungen auch Verbesserungen depressiver Begleitsymptome beobachtet worden. Dies weckte das Interesse der Wissenschaftler an einer gezielten Erforschung der TPS bei Depressionen.

Erste TPS-Studien bei Depressionen lieferten bereits 2023 positive Ergebnisse

Im Jahr 2023 berichteten wir auf ALZHEIMER DEUTSCHLAND über eine Pilotstudie der Hong Kong Polytechnic University, bei der 30 Erwachsene mit einer schweren depressiven Störung untersucht wurden:  Die Teilnehmer erhielten entweder sechs TPS-Behandlungen innerhalb von zwei Wochen oder wurden einer Wartelisten-Kontrollgruppe zugeteilt. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die depressiven Beschwerden in der TPS-Gruppe deutlich stärker verbesserten als in der Kontrollgruppe. Auch drei Monate später waren noch positive Veränderungen zu beobachten.

Allerdings war die Studie noch klein, und die Kontrollgruppe erhielt keine Scheinstimulation. Damit ließ sich noch nicht zuverlässig beurteilen, welchen Anteil Erwartungseffekte an den Ergebnissen hatten.

Umso interessanter ist eine neue Untersuchung, die im Juli 2026 im renommierten Fachjournal JAMA Network Open veröffentlicht wurde. Sie liefert nun wesentlich belastbarere Hinweise auf die mögliche antidepressive Wirkung der TPS.

Neue klinische Studie mit 80 Patienten: Transkranielle Pulsstimulation (TPS) besser als Scheinstimulation

Unter der Leitung von Prof. Georg S. Kranz untersuchte ein internationales Forschungsteam um Penny Ping Qin an der Hong Kong Polytechnic University insgesamt 80 Patienten mit einer diagnostizierten depressiven Erkrankung.

Anders als bei der früheren Pilotstudie handelte es sich diesmal um eine randomisierte, doppelblinde und scheinkontrollierte Untersuchung. Das bedeutet, dass die Patienten nach dem Zufallsprinzip entweder eine aktive TPS-Behandlung oder eine Scheinstimulation erhielten. Weder die Teilnehmer noch die für die Bewertung zuständigen Untersucher wussten, welche Behandlung tatsächlich durchgeführt wurde.

Über vier Wochen fanden insgesamt zwölf Sitzungen statt. Behandelt wurde eine bestimmte Region im linken Stirnhirn, der sogenannte dorsolaterale präfrontale Kortex. Diese Hirnregion ist unter anderem an der Regulation von Emotionen, der Konzentration und der Steuerung von Denkprozessen beteiligt.

Ein großer Teil der Teilnehmer nahm bereits Antidepressiva ein. Die TPS wurde somit bei vielen Patienten zusätzlich zu einer bestehenden medikamentösen Behandlung untersucht. Denn das Ziel ist nicht, bewährte Therapien zu ersetzen, sondern das Behandlungsspektrum durch ein weiteres Verfahren zu ergänzen.

Nach Abschluss der Behandlung zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen: 52,5 Prozent der aktiv mit TPS behandelten Patienten sprachen auf die Therapie an. In der Kontrollgruppe waren es lediglich 25 Prozent.

Noch interessanter waren die sogenannten Remissionsraten. Von einer Remission sprechen Ärzte, wenn die Symptome einer Erkrankung so weit zurückgegangen sind, dass sie einen definierten niedrigeren Schweregrad erreichen. Eine solche Remission erreichten 40 Prozent der TPS-Patienten, gegenüber 17,5 Prozent in der Scheinstimulationsgruppe.

Auch die durchschnittlichen Depressionswerte verbesserten sich unter der aktiven TPS-Therapie stärker als unter Scheinstimulation. Allerdings fiel der statistische Unterschied beim wichtigsten Studienendpunkt nur knapp signifikant aus. Zwei weitere verwendete Bewertungsskalen zeigten zudem keinen eindeutig nachweisbaren zusätzlichen Effekt. Die Ergebnisse sind deshalb vielversprechend, müssen jedoch in größeren Studien bestätigt werden.

Was geschieht im Gehirn? Transkranielle Pulsstimulation (TPS) beeinflusst neuronale Netzwerke

Neben den klinischen Verbesserungen untersuchten die Wissenschaftler auch, ob sich durch die TPS Veränderungen in der Zusammenarbeit verschiedener Hirnregionen nachweisen lassen. Dazu nutzten sie die funktionelle Magnetresonanztomographie, kurz fMRT. Dieses bildgebende Verfahren kann sichtbar machen, welche Hirnregionen funktionell miteinander verbunden sind und wie sich ihre Aktivitätsmuster verändern.

Die Ergebnisse zeigten, dass die aktive TPS die funktionelle Vernetzung zwischen dem behandelten Stirnhirnbereich und mehreren anderen Hirnregionen signifikant verstärkte. Darunter befanden sich Bereiche, die an der Verarbeitung von Emotionen, der Selbstwahrnehmung und der Regulation von Gedanken beteiligt sind.

Bei depressiven Erkrankungen können solche neuronalen Netzwerke in ihrer Funktion verändert sein. Die Beobachtungen der Forscher liefern daher einen weiteren Hinweis darauf, dass die TPS tatsächlich in die Aktivität des Gehirns eingreifen und bestimmte Verbindungen beeinflussen kann.

TPS bei Depressionen in der Praxis: Erfahrungswerte passen zu den klinischen Daten

Neben den wissenschaftlichen Untersuchungen liegen inzwischen auch Erfahrungen aus Kliniken und Praxen vor, die bereits teils seit Jahren mit der TPS arbeiten. Dort wird unter anderem von positiven Entwicklungen bei Patienten mit langjährigen oder schwer behandelbaren Depressionen berichtet. Von besonderem Interesse sind diese Erfahrungen bei sogenannten therapieresistenten Depressionen, übrigens auch dann, wenn Alzheimer- und Demenz-Patienten unter krankheits-assoziierten Depressionen leiden – siehe hierzu zum Beispiel: TPS-Erfahrungsbericht 13 – Demenz mit schwerer Depression.

Solche klinischen Beobachtungen sind ermutigend, können weitere kontrollierte Studien jedoch nicht ersetzen. Insbesondere bei therapieresistenten Depressionen muss die Wirksamkeit der TPS noch gezielt untersucht werden.

Wichtig ist zudem der derzeitige Zulassungsstatus: Die TPS mit dem Stoßwellen-System NEUROLITH ist für die Behandlung des Zentralnervensystems von Patienten mit Alzheimer-Erkrankung CE-zertifiziert. Eine Anwendung bei Depressionen erfolgt außerhalb dieser Zweckbestimmung, im sogenannten Off-Label-Use, auf Grundlage einer individuellen ärztlichen Entscheidung.

Die TPS ist damit derzeit noch keine etablierte Standardtherapie bei Depressionen und sollte auch nicht als Ersatz für eine notwendige psychiatrische, psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlung verstanden werden.

Fazit: Ein weiterer wichtiger Schritt für die TPS-Forschung

Mit der neuen Untersuchung aus Hongkong hat die Forschung zur Transkraniellen Pulsstimulation einen weiteren wichtigen Schritt gemacht. Für Menschen mit Depressionen, insbesondere für jene, bei denen bisherige Behandlungen nicht ausreichend helfen, könnte sich damit langfristig eine zusätzliche therapeutische Perspektive eröffnen.

Quellen:

Qin PP et al. (2026): Prefrontal Transcranial Pulse Stimulation for Major Depressive Disorder: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open, 9(7), e2621592.
https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2026.21592

Cheung T et al. (2023): Pilotstudie zur TPS bei Erwachsenen mit schwerer depressiver Störung. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(3), 2333.
https://www.mdpi.com/1660-4601/20/3/2333

Robert Koch-Institut (2025): Depressive und Angstsymptomatik bei Erwachsenen in Deutschland, Ergebnisse aus dem Panel „Gesundheit in Deutschland“ 2024.
https://doi.org/10.25646/13554

Bundespsychotherapeutenkammer (2018): Rund 20 Wochen Wartezeit auf psychotherapeutische Behandlung.
https://www.bptk.de/

Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression: Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie.
https://www.leitlinien.de/themen/depression

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