Alzheimer-Forschung und Therapiemöglichkeiten: Der Stand der Dinge

Quo vadis, Alzheimer-Forschung? Dass allein in Deutschland mittlerweile 1,8 Millionen Menschen an Demenz erkrankt sind und es bis zum Jahr 2050 wohl um die 2,8 Millionen sein werden – weltweit dann ca. 153 Millionen – ist bekannt. Auch der Pflegenotstand, die explodierenden Kosten in der Pflege sowie der Mangel an Langzeit-Pflegeplätzen sind tägliches Thema in Politik und Medien. Schließlich berichtet der Sender „ntv“ just heute am 21.09., dass auch die Zahl der an den Folgen der Alzheimer-Krankheit verstorbenen Menschen im Jahr 2020 so hoch wie nie zuvor war – mit 9.450 Verstorbenen hat sich diese Anzahl seit dem Jahre 2000 also verdoppelt.

Weltweit wird vehement geforscht, dafür bereitgestellte Regierungsgelder und vor allem die Forschungsinvestitionen der Pharmaunternehmen in deren Medikamenten-Entwicklung gehen in die Milliarden. Im Laufe der vergangenen Jahre gab es immer wieder hoffnungsfrohe Meldungen, man stünde mit diesem oder jenem Wirkstoff kurz vorm Durchbruch. Doch in nahezu allen Fällen stellten sich diese Erfolgsmeldungen als verfrüht und in der Folge als nicht haltbar heraus. Auch Aducanumab (Handelsname: Aduhelm), im vergangenen Jahr unter höchst umstrittenen Bedingungen von der amerikanischen Behörde FDA zugelassen, kam in Europa gar nicht erst auf den Markt und verschwand auch in den USA vor einigen Monaten wieder sang- und klanglos. Der Forschungsskandal rund um mutmaßlich gefälschte Studien – noch dazu jene, die als „Leitstudien“ in der Wissenschaft angesehen worden waren – vom Juli 2021 lässt seither auch die sog. „Amyloid-Hypothese“ wackeln (siehe hierzu auch: https://www.alzheimer-deutschland.de/aktuelles/allgemein/skandal-in-der-demenz-forschung ) Zwar wird weiterhin, man könnte sagen „gebetsmühlenartig“ kolportiert, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich ein Medikament entwickelt werden würde, dass Alzheimer- und sonstigen Demenzformen erkrankten Menschen nicht nur symptomatisch, sondern auch kausal helfen könne; die Mehrheit der Forschenden spricht allerdings, wohl wahrheitsgemäß, von mindestens mehreren Jahren. Denn es stellt sich auch die kardinale Frage: Ist der Abbau von Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen im Gehirn tatsächlich der einzige bzw. der richtige Weg, um Alzheimer- und Demenz-Erkrankungen zu begegnen?

Das Rätsel um die Amyloid-Plaques – was sind die eigentlichen Ursachen für Demenz?

Klare Antwort zunächst: Man weiß es nicht. Amyloid-Plaques sind Eiweiß-Protein-Ablagerungen im Gehirn, die verklumpen und sich unauflöslich an den Außenseiten der Nervenzellen ablagern. Hinzu kommt eine Veränderung des sog. Tau-Proteins. Dieses sitzt im Inneren der Nervenzelle und ist für den reibungslosen Transport von Nährstoffen und anderen Substanzen verantwortlich. Verändert es sich chemisch, lagert es sich in Form von Fasern, den sog. Tau-Fibrillen, in der Zelle an, die dadurch zerstört wird. Gemeinsam sorgen Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen gemäß der Forschung für den Untergang der Neuronen (Nervenzellen) und damit über die Jahre hinweg zur manifest fortschreitenden Alzheimer-Krankheit und anderen Formen der Demenz.

Amyloid Plaques - Ursache für Demenz ? - Alzheimer Deutschland

Doch kann es allein daran liegen? Mittlerweile steht diese Annahme auf dem Prüfstand. Führende Forschende halten diesen Ansatz heute für viel zu eindimensional und die Antwort, diese beiden Eiweiße allein seien für Demenz-Erkrankungen verantwortlich, bei weitem zu kurz gefasst. Vielmehr kommen nun auch Entzündungsprozesse, Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen, vermehrt auch Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung und Schwermetallbelastungen zur Diskussion. Auch Virusinfektionen wie etwa das Epstein-Barr-Virus, das immerhin 95% der Weltbevölkerung latent in sich trägt, scheint eine größere Rolle zu spielen als bislang ins Auge gefasst (siehe hierzu auch: https://www.alzheimer-deutschland.de/ueber-alzheimer-demenz/demenz-erkennen-vorbeugen ). Dies zeigte z. B. im Januar 2022 in einer großen US-Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass das Virus EBV wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Ursache für Multiple Sklerose ist, einer ebenfalls neurodegenerativen chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems (siehe hierzu auch: https://www.alzheimer-deutschland.de/aktuelles/beitraege/hauptursache-fuer-multiple-sklerose-gefunden ).

Nichtsdestotrotz wird aktuell weiter an den sog. „-NAB“-Wirkstoffen geforscht, die in den vergangenen Jahrzehnten eins ums andere Mal, auch wegen hoher Nebenwirkungen und gar Todesfällen, die Hürden der klinischen Studienansprüche nicht überwinden konnten. Die Endung „-nab“ dieser Präparat-Bezeichnungen steht dabei übrigens für „monoclonal antibody“, zu Deutsch: monoklonale Antikörper. Dies wiederum bezeichnet immunologisch aktive Proteine, die sich gegen zerebrale Beta-Amyloid-Ablagerungen richten sollen. Derzeit befinden sich die Kandidaten Donanemab des Pharma-Konzerns Eli Lilly und Lecanemab der Unternehmen Eisai und Biogen in fortgeschrittenen Studienphasen; die entscheidenden Studienergebnisse werden noch im Herbst erwartet. Man darf also weiterhin gespannt sein.

Alzheimer-Forschung - Studien - Alzheimer Deutschland

Andere Ansätze in Forschung und Therapie: Sehnsüchtig erwartet und kritisch beäugt

Die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) gehört zu jenen neuen Behandlungsoptionen für Demenz-Erkrankungen, die andere Wege einschlägt: Mit Stoßwellen, in der Medizin in vielen anderen Fachbereichen bereits seit über 40 Jahren und teils sogar als Standard-Therapie (z. B. Nierensteinzertrümmerung) eingesetzt, werden mit der aus der Medizintechnik stammenden TPS-Stoßwellen-Therapie Gehirnzellen aktiviert und regeneriert. Die Erfolge an mittlerweile über 100 Standorten weltweit und bei ca. über 3.000 behandelten Patient:innen sprechen zunächst einmal für sich und haben in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass die Transkranielle Pulsstimulation ein Thema der wissenschaftlichen und der öffentlichen Diskussionen geworden ist. Auf den neurologischen und anderen Fachkongressen dieses Herbstes ist die TPS ein zentrales Thema und mehr und mehr Neurolog:innen und Pychiater:innen sehen in ihr ein probates und vor allem dringend notwendiges Modul, um ihre Patient:innen wirksam behandeln zu können – das Warten auf ein Medikament reicht ihnen angesichts der überfüllten Wartezimmer nicht mehr. Allein die bisherige Studien-Lage, die noch nicht so umfangreich ist wie in den heutigen Standards richtigerweise gefordert, gibt natürlich noch Anlass zur Skepsis – vor allem in jenen Reihen, deren wohl kaum moralische Interessen die TPS in Zukunft womöglich durchkreuzen könnte.

Transkranielle Pulsstimulation – Expansive Studienlage mit klar positiven Ergebnissen

Nach den ersten klinischen Studien, die 2018 nach vielen Jahren der Forschung und Entwicklung zur CE-Zulassung des Stoßwellen-Systems NEUROLITH® zur Durchführung der TPS führten (Hinweis: auch in der Medizintechnik muss eine klinische Evaluierung zunächst die Wirksamkeit und Sicherheit einer Therapie belegen, bevor es zu einer Zulassung kommt), sind mittlerweile zahlreiche weitere Studien zur TPS bereits abgeschlossen worden bzw. befinden sich im Verlauf und/oder derzeit in der Publikationsvorbereitung – darunter auch jene, die in der Medizin als „Königsklasse“ bezeichnet werden, also „randomisierte, doppelblinde und placebo-kontrollierte“ Studien.

Neue Studie zeigt: TPS könnte auch bei schwerem Alzheimer wirksame Zusatzbehandlung sein

Gerade in den vorvergangenen Woche war es Prof. Dr. med. Lars Wojtecki von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der mit seinem Team und anderen Forschenden von den Universitäten Marburg und Gießen sowie dem Max-Planck-Institut in Frankfurt am Main in einer retrospektiven Pilotanalyse zeigen konnte, dass die Transkranielle Pulsstimulation nicht nur die kognitiven Fähigkeiten von Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz verbessert und darüber hinaus zu einer signifikanten Verbesserung depressiver Symptome führt. Vielmehr konnten die Wissenschaftler:innen erstmals auch darstellen, dass sogar Patient:innen mit schwerer Alzheimer-Erkrankung von den Stoßwellen der TPS ebenso profitieren können wie Betroffene in früheren Stadien (siehe hierzu auch: https://www.alzheimer-deutschland.de/aktuelles/tps-forschung/tps-therapie-neue-klinische-daten ).

Weitere Studien aus Deutschland, Österreich und Hong Kong werden die Datenlage in nächster Zeit noch weiter festigen.

Kritik - Hohe Kosten - Alzheimer-Forschung - Fakten-Check - Alzheimer Deutschland

Die Kritik: Hohe Kosten, das Stillsitzen und die Fahrt zur Therapie – ein Fakten-Check

Was neu ist, wird zunächst stets argwöhnisch beäugt. Was nicht sein kann, das nicht sein darf – all dies ist zutiefst menschlich und zumal in der Geschichte der Medizin zutiefst verankert. Manches Diagnoseverfahren oder viele Therapien, die heutzutage Standard bzw. „state-of-the-art“, also neuester Stand der Wissenschaft sind, benötigten Jahre und Jahrzehnte, bis hin zur allgemeinen Akzeptanz.

Während also die mit der TPS arbeitende Ärzt:innen und deren behandelte Patient:innen mitsamt ihren Angehörigen die Transkranielle Pulsstimulation mitunter in den Himmel loben, ja, auch von „bahnbrechend“ und „sensationell“ ist die Rede – und wer sollte es ihnen auch verdenken, wenn es den Betroffenen nach der Behandlung und auch lange Zeit danach so deutlich besser geht – und Beteiligte von einem Meilenstein sprechen, muss sich die TPS auch Kritik gefallen lassen, die letztlich am Thema vorbeiführt oder in einen Kontext gesetzt wird, der allenfalls tendenziös gewertet werden kann.

So wird neben der bisherigen Studienlage vor allem moniert, dass die 6-teilige Behandlungsserie der Transkraniellen Pulsstimulation rund 3.000,– € koste, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt würden und daher eine Selbstzahlerleistung seien, die nur den behandelnden Ärzt:innen zugutekäme. Darüber hinaus müssten die Patient:innen während der Behandlung stillsitzen und die Angehörigen oder Betreuer die Betroffenen gar in die Praxis oder in die Klinik fahren müssen.

Doch hier mal bitte Stopp! In der Relation zu vielen anderen Therapien, die für die Betroffenen weit aufwändiger und sogar unangenehm und schmerzhaft sind, punktet die rein nicht-invasive TPS-Behandlung vor allem damit, dass sie als regelrecht angenehm bezeichnet wird und die Patient:innen die übrigens sehr niedrigfrequenten Impulse kaum oder meist gar nicht spüren. Gewünscht ist, dass man während der TPS-Behandlung natürlich idealerweise recht ruhig sitzen sollte. Doch sich zu bewegen, macht gar nichts, die Patient:innen werden weder fixiert noch werden sie festgehalten. Auch kann die Behandlung jederzeit unterbrochen werden. Der Applikator, der über den Kopf gestrichen wird und damit der einzige Berührungspunkt mit dem Kopf der Patient:innen ist, ist flexibel und die Ärzt:innen, die die TPS durchführen, sind geschult und erfahren.

Und dass die Patient:innen zur Therapie gefahren bzw. gebracht werden müssen, ist wohl genereller Alltag. Denn gleiches gilt für Ergo-, Musik- oder Physiotherapie und auch die Neurolog:innen und Psychiater:innen besuchen ihre Patient:innen in aller Regel kaum zu Hause.

Die Kosten der TPS? Wirklich teuer sind Demenz-Erkrankungen an anderer Stelle

Weshalb die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Transkraniellen Pulsstimulation (noch) nicht übernehmen, liegt in unserem System begründet. Bis eine neue Therapie Eingang in den Leistungskatalog der GKVs findet, sind viele Hürden zu nehmen und zahlreiche andere, hier nicht weiter auszuführende Parameter spielen eine Rolle.

Doch wirklich hohe Kosten verursachen die Folgen der Alzheimer-Erkrankung mit den bisherigen Methoden: So kostete die Versorgung von pflegebedürftigen Patient:innen den deutschen Staat gemäß statistischem Bundesamt im Jahre 2016 rund 34 Milliarden Euro (2060 könnten diese auf 90 Mrd. € ansteigen)! Eine Analyse der gesamtgesellschaftlichen Kosten der Demenz in Europa zeigte, dass sich die Kosten der Demenz jeweils zur Hälfte auf das Gesundheitssystem und deren Träger sowie auf die Familien privat verteilen. Die jährlichen Pro-Kopf-Kosten, die von den Betroffenen und deren Angehörigen privat getragen werden, betrugen 25.573 € und waren damit um 24 % höher als die Kosten der Kostenträger, die bei durchschnittlich 20.659 € lagen.

Um die 2.000 Euro monatlich für einen Pflegeplatz: Die privaten Kosten fürs Heim sind enorm

Und muss der oder die Betroffene dann in ein Pflegeheim,  muss man derzeit davon ausgehen, dass die Pflegeheim-Zuzahlung maximal bei monatlich rund 1.900 Euro liegt, wenn der Versicherte einen anerkannten Pflegegrad hat. Die darüber hinaus gehenden Kosten sind von den Angehörigen selbst zu tragen. Im Jahr 2019 betrug der durchschnittliche Eigenanteil von Pflegeheim-Bewohner:innen dementsprechend nochmals 1.891 Euro – pro Monat, meist sind die Heime allerdings noch viel teurer. Das sind also mindestens rund 22.800 Euro im Jahr – und das ist wirklich teuer und für viele Familien nicht zu stemmen!

Demgegenüber steht die Therapie TPS, die landauf, landab als Behandlungsserie von sechs je halbstündigen Einheiten ca. 3.000 Euro kostet, bei der die Auffrischungskosten pro Sitzung durchschnittlich bei 400 Euro ausmachen und private Krankenkassen und Beihilfen auch schon zuzahlen oder die Kosten im Einzelfall gar ganz übernehmen. Es kann also als Diskussionspunkt für die nähere Zukunft also durchaus in den Raum geworfen werden, welche Entlastung unser System durch die Transkranielle Pulsstimulation erreichen könnte.

Lebensqualität erhöhen - TPS-Therapie - Alzheimer Deutschland

Erstes Ziel muss sein: Lebensqualität erhöhen und möglichst auch das System entlasten

Jedenfalls geht die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) konsequent ihren Weg – so schnell wie eben möglich, denn für die Patient:innen und deren Angehörige zählt schließlich jeder Tag, es zählt das Heute und nicht das „irgendwann“. Und während die Welt auf das eine Medikament wartet, kann die Transkranielle Pulsstimulation bereits jetzt sehr gute Dienste leisten. Sie wird dabei, dies sei nochmals erwähnt, nahezu wöchentlich mit neuen klinischen Daten analog zu den praktischen Erfahrungswerten aller Beteiligten gestützt. Es steht zu hoffen, dass bestimmte Stimmen ihrem eigentlichen Auftrag, Betroffene und Angehörige bestmöglich zu unterstützen, künftig objektiver, sachlicher und vor allem informierter nachkommen. Denn eines sollten wir alle gemeinsam verfolgen: Dass es den Betroffenen besser geht und sie weiterhin ein so erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen können wie nur eben möglich.

An dieser Stelle sei deshalb ausdrücklich am heutigen Welt-Alzheimertag all jenen Ärztinnen und Ärzten gedankt, die zugunsten ihrer Patient:innen und deren Angehörigen bereits heute mit der Transkraniellen Pulsstimulation (TPS) arbeiten und dazu beitragen, dass viele Menschen ein besseres und würdigeres Leben mit Alzheimer-Demenz und anderen Formen der Demenz trotz ihrer Erkrankung führen können!

Quellen:
Studie Prof. Wojtecki et. al.:
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fneur.2022.948204/full

Kostenanalysen:
https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-019-02985-z#Tab1
https://www.pflege.de/altenpflege/pflegeheim-altenheim/kosten/

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